Strukturelle Herausforderungen bremsen die Konjunktur

DIHK-Konjunkturumfrage: Für fast jedes zweite Unternehmen sind „wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen” aktuell ein Geschäftsrisiko.

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Die deutsche Wirtschaft kommt zu Jahresbeginn nicht in Tritt. Die Investitions- und Beschäftigungspläne bleiben niedrig. Das außenwirtschaftliche Umfeld ist von großen Herausforderungen geprägt. Gerade in der Industrie zeigen sich strukturelle Herausforderungen. Immerhin trägt die Binnenwirtschaft weiter – wenn auch insgesamt auf niedrigerem Niveau. Hinzu kommen wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen, die zunehmend zum Risiko werden. Einzelne Lichtblicke gibt es im Bau, im Bereich der Hochtechnologie, bei Pharma und IT-Dienstleistern. Das ist das Ergebnis der aktuellen DIHK-Konjunkturumfrage unter mehr als 26.000 Betrieben aus allen Regionen und Branchen.

„Nach wie vor erwarten mehr Unternehmen für dieses Jahr schlechtere Geschäfte als bessere“, fasst DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben die Ergebnisse zusammen. „Auch, wenn die jüngsten Rückmeldungen aus der Praxis das trübe Bild vom Herbst 2019 etwas aufhellen, so sind wir von Aufschwungseuphorie weit entfernt. Die Unsicherheiten durch das Coronavirus kommen am aktuellen Rand noch hinzu.“ Der DIHK geht daher bei seiner Konjunkturprognose von einem Wachstum von gerade einmal 0,7 Prozent für das laufende Jahr aus. „Davon gehen rund 0,5 Prozentpunkte auf statistische Effekte wie den Überhang aus dem Vorjahr sowie vier zusätzliche Arbeitstage in diesem Jahr zurück. Deshalb sehen wir aktuell nur wenig echtes Wachstum“, sagt Wansleben laut einer von seinem Haus veröffentlichten Pressemitteilung.

„Besorgniserregend ist: Eine ganze Reihe von Daten insbesondere aus der Industrie sprechen dafür, dass sich zur aktuellen Konjunkturschwäche auch strukturelle Herausforderungen gesellen, wie zum Beispiel die E-Mobilität, die Digitalisierung, die Energiewende und weiter der Fachkräftemangel. Einige Regionen sind davon besonders betroffen.“

46 Prozent der Betriebe stufen den Faktor „Wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen“ als Risiko für die eigene geschäftliche Entwicklung ein. „Das ist der höchste Wert, den wir je gemessen haben“, so Wansleben. „Das hat zum einem zu tun mit den internationalen Unsicherheiten wie dem anhaltenden Handelskonflikt zwischen den USA und China, dem Brexit sowie den noch unabsehbaren Folgen des Coronavirus. Hinzu kommt aber auch eine wachsende Sorge über ausbleibende Impulse am Standort Deutschland. Angesichts der europaweit höchsten Strompreise, im OECD-Vergleich hohen Steuern und langsamer wie lückenhafter Internetverbindungen stellen sich viele Unternehmen gerade in der Industrie zunehmend die Frage: Wie können wir hierzulande dauerhaft wettbewerbsfähig bleiben?“

Investitionsneigung auf niedrigem Niveau – insbesondere in der Industrie

Unter den Geschäftsrisiken führen mittlerweile 35 Prozent der Betriebe die Energie- und Rohstoffpreise an. Vor drei Jahren waren es noch 24 Prozent. Auf die deutsche Wirtschaft komme im Bereich der Energie- und Klimapolitik einiges zu. „Viele Unternehmen bangen geradezu darum, dass die Versorgungssicherheit auf höchstem Niveau erhalten bleibt und zugleich die Strompreise nicht noch weiter steigen”, so Wansleben. „Es reicht nicht, beim Ausstieg Weltmeister sein zu wollen, wenn der Einstieg ins Neue und damit die Energiewende in der Praxis stockt. Die Rückmeldungen aus den Unternehmen zeigen uns sehr deutlich, dass sich hier zunehmend Zweifel breitmachen.“

Das schlage sich unter anderem in der schwächelnden Investitionsneigung nieder. Diese habe sich zwar seit der Herbst-Umfrage leicht gebessert, sie verharre aber auf einem niedrigen Niveau. „Im Zwei-Jahres-Vergleich sehen wir insbesondere bei der Industrie eine Entwicklung, die uns Sorgen macht“, sagt Wansleben. Während Anfang 2018 noch 39 Prozent der Industriebetriebe (Gesamtwirtschaft: 34 Prozent) mehr investieren wollten, seien es aktuell nur noch 26 Prozent (Gesamtwirtschaft: 27 Prozent). Im gleichen Zeitraum habe sich die Zahl der Industrieunternehmen, die weniger investieren wollen, mehr als verdoppelt. Sie lag zu Jahresbeginn 2018 mit zwölf Prozent genauso niedrig wie in der Gesamtwirtschaft. Nun geben aber mit 27 Prozent überdurchschnittlich viele Industriebetriebe an, ihre Investitionsabsichten in den nächsten zwölf Monaten senken zu wollen (Gesamtwirtschaft: 21 Prozent).

Investitionsmotiv „Umweltschutz” erreicht Rekordwert

Von dieser Unsicherheit seien die Unternehmen besonders betroffen, die für die Herstellung ihrer Produkte auf die Verwendung von Kohle, Gas oder Öl angewiesen sind. Durch den Zertifikathandel würden diese Energieträger ab 2021 deutlich teurer. In vielen Fällen fehlten aber nach wie vor wirtschaftliche Alternativen. „Die Unternehmen brauchen daher rasch Klarheit, ob sie mit Entlastungen und Kompensation rechnen können. Sie brauchen Klarheit darüber, ob sie am Standort Deutschland eine Zukunft haben“, betont Wansleben.

Das Interesse der Betriebe am Klimaschutz ist der DIHK-Umfrage zufolge groß: Ein Fünftel aller Unternehmen, die im laufenden Jahr mehr investieren wollen, gebe dafür „Umweltschutz“ als Motiv an, in der Industrie sei es sogar mehr als ein Viertel. „Das ist der höchste Wert seit dem Start unserer Erhebung im Jahr 2003“, so der DIHK-Hauptgeschäftsführer. „Umso wichtiger ist es, dass die Unternehmen national wie international auf faire Bedingungen stoßen. Sonst drohen sie, auf den höheren Kosten sitzen zu bleiben.“

Angesichts der außenwirtschaftlichen und auch strukturellen Herausforderungen müssten die Unternehmen bei ihren Beschäftigungsabsichten derzeit Vorsicht walten lassen. Das größte Geschäftsrisiko bleibe bundesweit trotz leichtem Rückgang weiterhin der Fachkräftemangel (55 Prozent). „Denn dort, wo neue Jobs entstehen sollen, ist der Fachkräftemangel das Top-Risiko“, erklärt Wansleben.

Die internationalen Unsicherheiten beeinträchtigten vornehmlich die Industrie. Wenn in der Welt weniger investiert werde, spürten das die international aufgestellten Investitionsgüterhersteller stärker als andere Branchen. Die Auftragspolster seien dünner geworden. „Auch die Beschäftigung im Verarbeitenden Gewerbe ging zuletzt zurück. Doch ein weitgehend robuster Arbeitsmarkt und die Binnennachfrage tragen uns derzeit durch die Konjunktur“, so Wansleben abschließend.

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