17.04.2014 //

„Unser Wohl und Wehe hängt von Europa ab“

RWI-Chefvolkswirt Prof. Dr. Roland Döhrn im BME-Interview.

Döhrn: "Die globale Konjunktur belebt sich, verläuft aber sehr differenziert." Foto: RWI

Die Redaktion des BME-Mitgliedermagazins "BIP – Best in Procurement" hat mit Prof. Dr. Roland Döhrn, Leiter des Kompetenzbereichs Wachstum, Konjunktur, Öffentliche Finanzen im Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (RWI), Essen, folgendes Interview* geführt:

 

Ist der deutsche Aufschwung stabil?
Prinzipiell ja, allerdings hängt unser Wohl und Wehe in starkem Maße von der Entwicklung in der Welt ab. Da ist zum einen die EU. Sie ist für Deutschland immer noch ein wichtiger Absatzmarkt. Es gibt zwar Anzeichen für ein Wiedererstarken der Wirtschaftskraft, allerdings ist dieser Erholungsprozess noch sehr fragil. Es können jederzeit Störungen auftreten – sei es im politischen Bereich oder auch durch neue Schuldenlöcher, die alles ins Wanken bringen können. Unsicherheiten gibt es zum anderen aber auch in den Schwellenländern, die in den letzten Jahren immer wichtigere Märkte wurden. Fakt ist, dass die genannten Risikofaktoren auf die Stimmung deutscher Unternehmen drücken.

Deshalb ist das RWI in seiner BIP-Prognose für 2014 auch vorsichtiger als andere?
Man darf diese Zahlen nicht überinterpretieren. Ob ich jetzt einen Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von 1,5 oder 2,0 Prozent prognostiziere, ist gemessen an der Unschärfe der Vorhersagen, unerheblich.

EMI und DAX bewegen sich dynamisch nach oben. Können die Korken knallen?
Es lohnt, sich ein wenig von der aktuellen Statistik zu lösen und einen längeren Zeitverlauf zu betrachten. Dann zeigt sich, dass eine ganzen Reihe von Indikatoren noch auf der Stelle treten. Beispiel: Auftragseingang. Hier gibt es eine anhaltende Seitwärtsbewegung mit einer ganz leichten Aufwärtstendenz. In den vergangenen Monaten haben wir immer wieder den großen Durchbruch gefeiert; später folgten prompt Rückschläge. Wir können zwar nicht von einem Krisenniveau sprechen, aber den Champagner würde ich dann doch noch im Kühlschrank lassen.

Sehen Sie Anzeichen für eine stärkere Investitionstätigkeit in Deutschland?

Im Moment noch nicht. Der Anstieg der Investitionen der öffentlichen Hand dürfte überschaubar bleiben, da die im Koalitionsvertrag angekündigten Programme von Bund in der Regel klein sind. Mit Blick auf die Privatwirtschaft muss die Frage erlaubt sein, wie es um die Bereitschaft der Unternehmen steht, am Sta Standort Deutschland zu investieren, solange die Absatzperspektiven in Europa mau sind. Größere Greenfield-Investments wie noch vor einigen Jahren dürften mit einiger Sicherheit auf absehbare Zeit gering bleiben. Da steckt man das Geld doch lieber in Niederlassungen in wachsenden Märkten.

Könnte die lockere EZB-Geldpolitik den deutschen Aufschwung gefährden?

Das glaube ich nicht. Ich kann im Moment weder in Deutschland noch in den anderen EU-Staaten akute Inflationsgefahren erkennen. Im Januar 2014 lag die Teuerungsrate in der Euro-Zone bei rund 0,7 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Allerdings könnte sich das Verhalten der Anleger verändern. So beobachten wir in Deutschland einen Anstieg der Immobilienpreise. Die Anlage in Sachwerte verspricht derzeit bessere Renditen, als anderer Kapitalanlagen. Ein weiterer Grund für diesen Trend sind die günstigen Finanzierungskosten. Ich würde jetzt noch nicht von einer Immobilienblase sprechen, aber das Risiko ist durchaus vorhanden.

Sehen Sie eine sich erholende Weltwirtschaft?

Die globale Konjunktur belebt sich, verläuft aber sehr differenziert. In den vergangenen Jahren kamen die Wachstumsimpulse meistens aus den Emerging Markets. Diese müssen gegenwärtig aber Rückschläge hinnehmen, und es werden teilweise auch Defizite sichtbar. Dafür erzielen inzwischen aber eine Reihe fortgeschrittener Volkswirtschaften wieder ansehliche Expansionsraten. Großbritannien steht ganz gut da; auch in den USA lässt sich eine gefestigte Aufwärtsbewegung erkennen.

Was ist mit China?
2014 ist mit einem BIP-Anstieg von 7,7 Prozent zu rechnen. Das ist immer noch sehr ordentlich. Es zeigt sich jetzt, dass auch in der Volksrepublik zweistellige Zuwachsraten auf Dauer nicht durchzuhalten sind. Wir denken bei Wachstumsprozessen stets in Veränderungsraten. Wir sollten aber stattdessen versuchen, uns Wachstumsprozesse in zusätzlich produzierten Autos, Tonnen Stahl oder gebauten Häusern vorzustellen. Dann würden wir zu der Erkenntnis gelangen, dass bei höherem Produktionsniveau die Zuwachsraten schwächer werden. Das ist eine simple Arithmetik. Um die aktuelle Konjunkturentwicklung mache ich mir keine großen Sorgen. Der chinesische Einkaufsmanager-Index lag im Januar mit 49,5 nur leicht unter der 50-Punkte-Wachstumsschwelle. Die Zuwachsraten der Industrieproduktion sind mit sieben Prozent ebenfalls ganz ordentlich. Deshalb würde ich kein Horrorgemälde zeichnen. Sorge bereitet mir allerdings, dass sich auch in China eine Immobilienblase gebildet haben könnte. Ich sehe ferner die Gefahr, dass die eine oder andere Investition in die falsche Richtung ging. Abzuwarten bleibt, welche Auswirkungen der Umbau der chinesischen Wirtschaft auf den Rest der Welt haben wird.

Zurück zu Deutschland. Hat der Finanzsektor seine Hausaufgaben gemacht?

Die deutschen Geldinstitute haben durchaus ihre Lehren aus der Finanz- und Wirtschaftskrise gezogen. Allerdings weiß ich nicht, welche Leichen noch im Keller der Großbanken liegen. Im Großen und Ganzen hat der deutsche Finanzsektor die jüngsten Krisen ganz gut weggesteckt. Das lag auch daran, dass wir – im Gegensatz zu vielen anderen Ländern – nicht mit faulen Immobilienkrediten zu kämpfen hatten. Erfreulich ist auch: Es gibt hierzulande keine Kreditklemme. Das Interview führte Frank Rösch, BME.
 

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