21.11.2013 //

„Verantwortungsvolle Rohstoffgewinnung“

BGR-Expertin Dr. Gudrun Franken im BME-Interview

Franken: "Wichtig ist, dass die Unternehmen den Inhalt ihrer Produkte genau kennen."

Die Redaktion des BME-Mitgliedermagazins "BIP – Best in Procurement" hat mit Dr. Gudrun Franken, Arbeitsbereichsleiterin Bergbau und Nachhaltigkeit in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), Hannover, nachfolgendes Interview* geführt.

Hat der Dodd-Frank-Act den Druck auf europäische Unternehmen erhöht?
Wir hatten schon vor der Verabschiedung des Dodd-Frank-Acts durch die US-Administration einen kritischen Blick auf Förderung und Handel von Rohstoffen aus Krisenregionen. Dazu zählen insbesondere die zentralafrikanischen Förderländer Kongo, Ruanda, Uganda und Burundi. Das im Sommer 2010 von der Obama-Regierung verabschiedete Gesetz über den Umgang mit Konfliktmineralien hat die Brisanz dieses Sachverhalts und damit den Druck auf europäische Unternehmen deutlich erhöht. Börsennotierte US-Gesellschaften sind seitdem verbindlich zur Offenlegung ihrer Liefer- und Produktketten verpflichtet. Deutschen Firmen liegen bereits erste Aufforderungen amerikanischer Geschäftspartner vor, ihnen die Herkunft der in den Produkten enthaltenen Mineralien lückenlos zu erklären und zu bestätigen. Sie werden häufig zum ersten Mal mit diesem Thema konfrontiert und fragen dann auch bei uns um Rat nach. Das gilt insbesondere für mittelständische Betriebe. Hier sind jetzt die Verbände gefordert. Sie richten bereits Arbeitsgruppen ein, die nach praktischen Lösungsvorschlägen für den richtigen Umgang mit Konfliktrohstoffen suchen.

Der Dodd-Frank-Act zielt vor allem auf Zentralafrika. Sind auch andere Staaten betroffen?
Zunächst geht es vor allem um den Kongo und dessen Anrainerstaaten. Global tätige Rohstoffeinkäufer sollten aber bei jedem Geschäft darauf achten, geltende Gesetze einzuhalten. Dazu gehört auch, dafür zu sorgen, dass die beschafften Rohstoffmengen „konfliktfrei“ sind. Die Nachweispflicht in der Lieferkette wird allerdings derzeit nur durch den Dodd-Frank-Act verbindlich vorgegeben. In Deutschland gibt es dazu bisher keine Regelung. Auf EU-Ebene wird sie zurzeit diskutiert. Hiesige Unternehmen reagieren deshalb nur auf das, was von ihnen gefordert wird. Schließlich kostet die Offenlegungspflicht für Rohstoffe viel Geld. Die großen deutschen Automobil- und Elektrokonzerne haben bereits begonnen, ihre Management- und Risikosysteme entsprechend anzupassen.


Stellt der richtige Umgang mit Konfliktmineralien neue Anforderungen an deutsche Einkäufer?
Dafür ist es noch zu früh. Im Moment wird heftig diskutiert, ob sich Konfliktmineralien in Produkten überhaupt zweifelsfrei nachweisen lassen. Ich behaupte, dass dies nicht möglich ist. Das Programm zur Zertifizierung der Schmelzbetriebe – denn nur vor beziehungsweise während der Schmelze ist ein chemischer oder geologischer Herkunftsnachweis der Mineralien möglich – befindet sich ebenfalls noch in den Anfängen. Auch die Plausibilitätsprüfung ist nicht einfach. Wer kann schon mit Sicherheit sagen, woher die Zinn- oder Tantalbestandteile eines Autos herkommen? Dafür ist die Lieferkette zu lang. Schwierig wird es auch bei Wolfram, das zu 95 Prozent aus China stammt. Ausländischen Firmen ist es nicht ohne Weiteres möglich, in einem chinesischen Betrieb anhand der Unterlagen plausibel nachzuprüfen, ob es sich bei dem gelieferten Wolfram um Erz aus China oder dem Kongo handelt.

Ist die durchgehende, produktbezogene Zertifizierung vom Rohstoff zum Endprodukt sinnvoll?
Nein, dieser Ansatz ist nicht zielführend. Die Probleme befinden sich im vorderen Teil der Lieferkette – vom Bergbau bis zur Schmelze. Dort sollte der Herkunftsnachweis geführt werden. Deshalb haben wir auch die Zertifizierung von Minen in Ruanda unterstützt. Diese Bergbaubetriebe erfüllen jetzt bestimmte Mindeststandards. Eine lückenlose Zertifizierung vom Rohstoff bis zum Endprodukt würde darüber hinaus Unmengen von Zertifikaten erzeugen, vom bürokratischen Aufwand bei der Einführung risikobasierter Systeme durch die Unternehmen ganz zu schweigen. Ein Beispiel: Flugzeuge haben Millionen von Einzelteilen. Wenn künftig für jede Einheit ein Nachweis erbracht werden muss, wird es schwierig.

Sollte der Westen den Schmelzen helfen, zertifizierungstauglich zu werden?
Sowohl die afrikanischen Erzminen als auch die asiatischen Schmelzen verfügen bereits über Dokumentationssysteme. Das gilt insbesondere für Schmelzbetriebe in China und Malaysia. Sie sind schon heute in der Lage, ihre Lieferkette zu verfolgen. Das ist kein Hexenwerk. Die Hilfe müsste sich darauf konzentrieren, dass man ethisch korrekte Rohstoffproduzenten in den zentralafrikanischen Ländern fördert. Es geht letztlich um den Aufbau eines geregelten Bergbaubetriebes. Das schließt Kontrollen automatisch mit ein, ist aber angesichts der schwachen Rolle des Staates in dieser Region zurzeit nur schwer realisierbar.

Die EU-Kommission erarbeitet eine entsprechende Gesetzesnovelle. Was erwarten Sie?
Ich hoffe, dass der Dodd-Frank-Act nicht kopiert wird, weil dessen praktische Umsetzung schwierig ist. Bis Ende dieses Jahres will Brüssel eine Novelle vorlegen. Dann sehen wir weiter. Wichtig ist mir, dass der Gedanke der Nachhaltigkeit berücksichtigt wird. Beispiel Ruanda: Dort läuft ein GBR-Pilotprojekt zur Zertifizierung. Es geht uns dabei nicht nur um den Nachweis des Einhaltens bestimmter Anforderungen, sondern um die Durchsetzung von Sozialstandards wie Transparenz, Umweltschutz, Community Development und Arbeitssicherheit. Die Länder Zentralafrikas kämpfen mit gravierenden Umweltproblemen. In den Minen sterben noch immer Menschen aufgrund zum Teil katastrophaler Arbeitsbedingungen. Letztlich geht es um verantwortungsvolle Rohstoffgewinnung. Dazu wollen wir einen Beitrag leisten.

Wenn künftig auch europäische Firmen die Herkunft von Konfliktmineralien offenlegen müssen, wären Einkaufsgemeinschaften ein Ausweg?
Das Bündeln physischer Einkaufskräfte – ähnlich wie bei der Rohstoffallianz – halte ich für wenig sinnvoll. Dazu ist der Weltmarktanteil zentralafrikanischer Rohstoffe zu gering. Der Sinn von Einkaufsgemeinschaften liegt in der Steigerung der Versorgungssicherheit. Bei Konfliktmineralien geht es vorrangig um das Zusammenführen von Informationen sowie das Abstimmen von Handlungsoptionen und -Instrumenten. So hält beispielsweise der Verband der Chemischen Industrie Produktlisten auf dem neusten Stand. Hier erfährt der User, welche Stoffe in bestimmten Erzeugnissen enthalten sind. Im Internet kursieren Listen, welche Schmelzen zertifiziert sind und welche nicht. Letztlich geht es um das Bereitstellen von Daten, die deutschen Unternehmen signalisieren: Hier gibt es Minen oder Schmelzen, die bereits als „konfliktfrei“ zertifiziert wurden. Wenn ich dort einkaufe, gehe ich kein Risiko ein.

Kann die BGR deutschen Unternehmen beim Aufbau von Know-how helfen?
Wenn die EU-Novelle vorliegt, werden wir deutschen Firmen geschäftspraktische Informationen in Form von Fachveranstaltungen, Newslettern und Konsultationen anbieten. Wir geben auch Daten über den Zertifizierungsprozess afrikanischer Minen und Schmelzen weiter, soweit sie uns vorliegen. Damit helfen wir der deutschen Wirtschaft, den neuen Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit von Konfliktmineralien gerecht zu werden. Jetzt warten wir aber erst einmal ab, wie sich die EU-Kommission positioniert. Danach werden wir gemeinsam mit der Deutschen Rohstoffagentur prüfen, welche Dienstleistungen wir deutschen Unternehmen rund um das Thema Konfliktmineralien anbieten können. Schon heute stellen DERA und BGR Informationen zur weltweiten Produktion und Verarbeitung verschiedener Rohstoffe ins Internet. Ich könnte mir vorstellen, dass wir künftig die Daten zur ersten Stufe der Rohstoffgewinnung für interessierte Unternehmen noch intensiver aufbereiten. Im Rahmen unseres Rohstoff-Frühwarnsystems sind wir mit der Wirtschaft bereits in engem Kontakt. Dazu gehören auch Besuche von DERA/GBR-Experten in Betrieben, um mit ihnen über aktuelle Probleme der Versorgungssicherheit mit Rohstoffen sowie mögliche Beschaffungsrisiken in der Zukunft zu sprechen.

Was raten Sie Unternehmen, die Konfliktmineralien einkaufen?
Ganz wichtig ist, dass die Unternehmen den Inhalt ihrer Produkte genau kennen. Das gilt auch für die einzelnen Glieder ihrer Lieferkette.
*Das Interview führte Frank Rösch, BME.
 

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