07.07.2020 //

Abschwung im deutschen Industriesektor lässt weiter nach

Der saisonbereinigte IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) notierte im Juni bei 45,2 Punkten und machte damit nach 36,6 im Mai einen kräftigen Sprung nach oben.

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Der durch die Coronavirus-Pandemie ausgelöste massive Produktionsrückgang in der deutschen Industrie hat sich im Juni weiter abgeschwächt. Das signalisiert der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI), der saisonbereinigt bei 45,2 Punkten notierte und damit nach 36,6 im Vormonat einen kräftigen Sprung nach oben machte. Nichtsdestotrotz blieb der deutsche PMI – wie bereits seit Anfang 2019 – immer noch deutlich unter der Wachstumsschwelle von 50,0 Punkten, teilte der englische Finanzdienstleister IHS Markit in London mit.

Wie die jüngsten Umfrageergebnisse von IHS Markit weiter zeigen, nahmen mehr und mehr Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes ihre Geschäftstätigkeit wieder auf. Deshalb fielen die Rückgänge bei Produktion und Auftragseingang so gering aus wie seit Februar nicht mehr, womit sie sich weiter von den Allzeittiefs im April entfernen.

„Die aktuellen EMI-Daten zeichnen ein widersprüchliches Bild. Einerseits signalisieren sie eine deutliche Wiederbelebung der Industrie; andererseits bleibt die Nachfrage weiterhin verhalten, betonte Dr. Silvius Grobosch, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME), in Eschborn. Trotzdem sei die einsetzende Konsolidierung des Verarbeitenden Gewerbes ein Hoffnungsschimmer für eine baldige konjunkturelle Erholung.

„Laut EMI zeichnet sich eine V-Erholung ab, oder dann, wenn der Anstieg wieder auf einem Plateau gelandet ist, ein Wurzelzeichen. Beides wäre ein gutes Zeichen für die Konjunktur“, kommentierte Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen, auf BME-Anfrage die aktuellen EMI-Daten. Nach einem schwachen ersten Quartal läge dann der Tiefpunkt im zweiten Quartal mit einem Rückgang des Bruttoinlandsproduktes von geschätzt sieben Prozent im Quartalsvergleich. Ab dem dritten Quartal wären dann wieder positive Raten zu erwarten. „Im Jahresdurchschnitt ergäbe sich gemäß unserer Prognose ein Rückgang von fünf Prozent. Damit wäre die Rezession bei uns weniger stark als in der Finanzkrise (-5,7 Prozent). Insbesondere die massiven fiskalpolitischen Maßnahmen führen zu dem im internationalen Vergleich doch eher verhaltenem Rückgang“, fügte die Helaba-Bankdirektorin hinzu.

„Die Entwicklung der Einkaufsmanager-Indizes im Juni nährt die Hoffnung einer Rückkehr auf den Wachstumspfad“, sagte Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, dem BME. Ernüchternd sei allerdings, dass vielfach diese Verbesserung noch nicht aus den tatsächlichen Verbesserungen des Geschäftsverlaufs, sondern aus Einschätzungen und Erwartungen gespeist werde. „Die Konjunktur muss diese hohen Erwartungen in den kommenden Monaten erst noch einlösen“, so Kater abschließend.

„Die Lockerungen und Wiederaufnahme der Geschäftstätigkeit sind der Grund dafür, dass sich der Ausblick bei den Unternehmen leicht verbessert“, teilte Katharina Huhn, Leiterin des Referats Konjunktur, Wachstum, Unternehmensbefragungen im DIHK, dem BME mit. Es sei erfreulich, dass wieder Bewegung bei den Aufträgen zu verzeichnen ist. Aber: Die aktuelle DIHK-Blitzumfrage bei über 8.000 Unternehmen zeige, dass vier von fünf Betrieben massive Umsatzrückgänge verkraften müssen – diese Rückgänge können laut Huhn im laufenden Jahr nicht mehr aufgeholt werden. Die Hälfte der Betriebe rechne frühestens 2021 mit einer Rückkehr zur geschäftlichen Normalität. Auf Basis der Unternehmensantworten erwarte der DIHK für das laufende Jahr einen Rückgang des Bruttoinlandproduktes von zehn Prozent.

Zur jüngsten Entwicklung des EMI-Teilindex Einkaufspreise sagte Dr. Heinz-Jürgen Büchner, Managing Director Industrials, Automotive & Services der IKB Deutsche Industriebank AG, dem BME: „Bei den meisten Industrierohstoffen scheint der preisliche Tiefpunkt durchschritten. Insbesondere die Rohölpreise haben sich im Verlauf des Juni 2020 deutlich belebt. Die höheren Notierungen wurden in der Kunststoffwertschöpfungskette weitgehend durchgereicht. Dementsprechend verteuerten sich auch die wichtigsten Kunststoffe, mit Ausnahme von PET. Während die NE-Metalle fast durchgängig deutlich teurer wurden, kamen die Stahlpreise ab Mitte Juni nochmals unter Druck. Bei höheren Erzpreisen und weitgehend stabilen Schrottnotierungen verengten sich die Margen kräftig. Ursache ist hier neben einer schwächer als erwarteten Nachfrage vor allem der zunehmende Importdruck insbesondere aus Südeuropa.“

Die Entwicklung der EMI-Teilindizes im Überblick:

Industrieproduktion: Der saisonbereinigte Teilindex Leistung entfernte sich im Juni weiter von seinem historischen Tief im April und notierte auf dem höchsten Stand seit Februar. Der Rückgang der Produktionsrate schwächte sich damit erneut merklich ab. Dennoch, obwohl zunehmend mehr Umfrageteilnehmer von einer Belebung der Geschäftstätigkeit berichteten, drückt der Mangel an Neuaufträgen die Produktionsniveaus deutlich nach unten. Abermals schrumpften alle drei Teilbereiche der Industrie, wenn auch weniger stark als zuletzt. Am schlechtesten schnitt der Investitionsgüterbereich ab.

Auftragseingang insgesamt/Export: Das Minus beim Auftragseingang fiel im Juni so gering aus wie seit Februar nicht mehr, als die Coronavirus-Pandemie gerade anfing. Überall dort, wo ein Rückgang verbucht wurde (aktuell bei 38 Prozent der befragten Unternehmen gegenüber 61 Prozent im Mai), hing dies häufig mit der Verschiebung oder Stornierung von Aufträgen sowie hohen Lagerbeständen bei den Kunden zusammen. Den Daten zufolge war die Nachfrage nach Investitionsgütern besonders schwach. Im Gegensatz dazu verzeichneten Konsumgüterhersteller ein leichtes Umsatzplus nach starken Einbußen zu Beginn des zweiten Quartals.

Auch im Juni schrumpfte die Anzahl der Exportneuaufträge im deutschen Industriesektor. Der saisonbereinigte Teilindex entfernte sich zwar weiter von seinem Rekordtief im April und notierte auf einem Viermonatshoch, die Verbesserung fiel aber nicht so stark aus wie beim Gesamt-Auftragseingang. Laut einigen Umfrageteilnehmern gingen vor allem die Neuaufträge aus Europa stark zurück. Aus Asien (und insbesondere China) wurde dagegen mehrfach ein Nachfrageanstieg gemeldet.

Beschäftigung: Der kräftige Personalabbau im Verarbeitenden Gewerbe setzte sich auch im Juni fort. Zwar verlangsamte sich die Rate gegenüber April und Mai etwas, sie blieb aber dennoch eine der stärksten seit Beginn der Datenerfassung 1996. Die Kürzungen wurden erneut durch betriebsbedingte Kündigungen, die Reduzierung von Leiharbeitern sowie die Nichtbesetzung von offenen Stellen erreicht.

Einkaufs-/Verkaufspreise: Der seit Mai 2019 anhaltende Trend der fallenden Einkaufspreise war auch im Juni zu beobachten. Die Rückgangsrate schwächte sich auf den niedrigsten Wert seit Februar ab, fiel aber dennoch insgesamt kräftig aus. Erneut war die schwache weltweite Nachfrage laut Umfrageteilnehmern der entscheidende Faktor für die Reduzierung. Dies führte zu Rabatten seitens der Zulieferer sowie zu niedrigeren Preisen auf den Weltmärkten für Rohstoffe wie Metalle (insbesondere Stahl), Kunststoffe und Produkte auf Ölbasis.

Der Druck auf die Verkaufspreise war auch Ende des zweiten Quartals deutlich spürbar, denn der Wettbewerb um Neuaufträge blieb unvermindert hart. Im Vormonatsvergleich gab es keine Änderung, womit die Rate weiter eine der stärksten seit der globalen Finanzkrise war. Vor allem im Investitionsgüterbereich kam es zu Reduzierungen, während die Hersteller von Konsumgütern (im Durchschnitt) keine Veränderung meldeten.

Jahresausblick: Die Erwartungen der Hersteller hinsichtlich ihrer zukünftigen Produktionsniveaus verbesserten sich im Juni signifikant. So schnellte der Teilindex Geschäftsausblick mit Rekordrate nach oben und signalisierte erstmals seit Februar wieder Optimismus. Auch wenn sich mehr und mehr Firmen grundsätzlich zuversichtlich zeigen, so gibt es doch immer noch eine ganze Reihe, die pessimistisch in die Zukunft blicken. Der Grad an Optimismus ist daher im historischen Vergleich betrachtet noch gering.

Über den EMI: Der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) gibt einen allgemeinen Überblick über die konjunkturelle Lage in der deutschen Industrie. Er ist eine Momentaufnahme des Verarbeitenden Gewerbes – errechnet aus den Teilindizes für Auftragseingang, Produktion, Beschäftigung, Lieferzeiten und Vormaterialbeständen. Der Index erscheint seit 1996 unter Schirmherrschaft des BME. Er wird vom Anbieter von Unternehmens-, Finanz- und Wirtschaftsinformationen IHS Markit mit Hauptsitz in London erstellt und beruht auf der Befragung von 500 Einkaufsleitern und Geschäftsführern der verarbeitenden Industrie in Deutschland (nach Branche, Größe, Region repräsentativ für die deutsche Wirtschaft ausgewählt). Der EMI orientiert sich am Vorbild des US-Purchasing Manager´s Index (Markit U.S.-PMI).

Medien-Ansprechpartner für Interview-Anfragen zum IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index: 
Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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