11.03.2021 //

„Bedeutung von Lieferketten stärker bewusst machen“

Konjunktur-Experte Kater: „Es ist sehr wohl denkbar, dass mehr Handel und Lieferbeziehungen im regionalen Kontext stattfinden.“

Foto: Gerd Altmann/pixabay.com Foto: Gerd Altmann/pixabay.com

Dr. Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: DekaBank

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BME: Wie hat sich die deutsche Industrie bisher in der Corona-Krise geschlagen?
Kater:
Im Verarbeitenden Gewerbe sind die spürbaren Produktionseinbußen aus dem Frühjahr 2020 quasi vollständig aufgeholt worden. Bis zuletzt konnte die Industrieproduktion zulegen, denn die zweite Corona-Welle unterscheidet sich von der ersten Welle. Zum einen sollen die Unternehmen in der Industrie weiterhin produzieren, die Lockdown-Maßnahmen beschränken sich auf die Dienstleistungsbranchen. Und zum anderen entwickelt sich die globale Wirtschaftstätigkeit weiter solide. Kurzum: Exportstarke deutsche Unternehmen profitieren von der Nachfrage aus Asien, vor allem China, und den USA. Demgegenüber gab es im vergangenen Frühjahr abreißende Lieferketten, da global betrachtet die Volkswirtschaften nahezu zeitgleich in die Rezession abgerutscht waren.

Wie bewerten Sie das kurz vor Jahresende zwischen der EU und Großbritannien vereinbarte Handelsabkommen?
Der Brexit ist sicherlich nichts, was bei Freunden des Freihandels Begeisterung auslöst. Aber die Briten haben es nicht anders gewollt. So ist das Heiligabend kurz vor knapp vereinbarte Abkommen immerhin angetan, uns die größten Befürchtungen abrupter Störungen im Handel zu nehmen. Auf dieses Szenario haben sich schlussendlich die Finanzmärkte und die Unternehmen eingestellt. Es wird in den nächsten Wochen noch ruckeln, aber dann spielt sich der Warenaustausch zwischen dem Vereinigten Königreich und den Ländern der Europäischen Union eben auf etwas niedrigerem Niveau ab. Die Belastungen jenseits des Ärmelkanals sind spürbar größer als bei uns. Das ist der Preis für die Freiheit, den die Briten nun zahlen müssen.

Zwingt uns die Corona-Pandemie, Globalisierung neu zu denken?
Nun, es ist generell nicht zielführend, angesichts der gegenwärtigen Corona-Krise nach der Normalität der Vergangenheit zu streben. Technischer Fortschritt, Strukturwandel und Nachfrageänderungen verlangen eine fortlaufende Bereitschaft zum Wandel. Insoweit waren erste Reflexe, wir müssten nun alles wieder selbst in Deutschland produzieren, wenig hilfreich. Nach wie vor sind arbeitsteilige Prozesse der überlegene ökonomische Ansatz. Sich die Bedeutung von Lieferketten vor dem Hintergrund von Just-in-Time-Produktion stärker bewusst zu machen, ist indes richtig. „So ist es sehr wohl denkbar, dass mehr Handel und Lieferbeziehungen im regionalen Kontext (Asien, Europa, Amerika) stattfinden.“ Ein Beispiel ist das unlängst vereinbarte Handelsabkommen von 14 asiatisch-pazifischen Volkswirtschaften, inklusive China. Das wird Globalisierung nicht komplett ablösen, aber unter dem Stichwort Regionalismus sehen wir Chancen für die produktivitätsstiftenden Effekte der internationalen Arbeitsteilung.

Rechnen Sie mit einer deutlichen Verbesserung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen nach Ende der Trump-Ära?
Mit Joe Biden zieht wieder ein echter Politiker ins Weiße Haus. Dadurch wird sich die internationale Zusammenarbeit in jedem Fall verbessern. Im Ton verbindlicher wird die US-amerikanische Politik in der Sache in vielen Punkten durchaus hart bleiben. Aber internationale Vereinbarungen wie das Pariser Klima-Abkommen werden wieder unter Beteiligung der USA aufgewertet. Und in G20-Gipfeln wird sicherlich offener miteinander diskutiert. Die gegenseitige Verantwortung spielt wieder eine konstruktive Rolle. Es ist wohl weniger ein Push im zyklischen Sinne der USA als Konjunkturmotor für die Welt. Doch ist ein besseres Miteinander sicherlich hilfreich, um Risiken und Vorsicht bei Investitionsentscheidungen von Unternehmen zu reduzieren. Unter dem Strich ist von verlässlicheren vier Jahren auf weltpolitischer Ebene auszugehen.

Wird China schon bald wieder „Lokomotive für die globale Konjunktur“?
Von China trat das Coronavirus seinen traurigen Siegeszug an. Dort wurde mit härtesten Einschränkungen den Infektionen die politische Stirn geboten. Seit März 2020 setzt wieder eine fulminante konjunkturelle Belebung ein. In China wird bis heute jedes Aufflackern von Infektionsherden umgehend mit dem Abschließen ganzer Metropolen beantwortet, um die Kontrolle zu behalten. Dieser Umgang – sowohl mit Volkswirtschaft als auch Bevölkerung – ist in europäischen Gesellschaften nicht vorstellbar. China ist aktuell tatsächlich eine Art Konjunkturlokomotive für die Welt. Doch ist Wachstum auch für die Volksrepublik kein Selbstläufer mehr. Der Höhepunkt der erwerbsfähigen Bevölkerung ist überschritten; also ist die alleinige Integration von mehr Menschen in den Arbeitsmarkt kein Treiber mehr. So entwickelt sich China stärker zum Innovator, gerade in Themen wie der Digitalisierung. Grundsätzlich dürfte das Reich der Mitte wirtschaftlich, politisch und militärisch eine immer größere Rolle spielen. Der globale Konjunkturmotor läuft zweifellos nicht mehr allein auf einem Zylinder der USA.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring.

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