10.12.2021 //

„Betriebe sollten Lieferketten diversifizieren“

HSBC-Konjunkturexperte: „Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen negativen Folgen waren für die deutsche Wirtschaft ein Schock.“

Fotoquelle: Gino Crescoli/pixabay.com Fotoquelle: Gino Crescoli/pixabay.com

Stefan Schilbe, Chefvolkswirt und Leiter Economic Research von HSBC Deutschland, sprach mit dem BME* über die Konjunktur in Deutschland, steigende Energiepreise und die Aussichten für das Wirtschaftsjahr 2022.

Fotoquelle: HSBC

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BME: Laut Herbstgutachten der führenden deutschen Forschungsinstitute dürfte die deutsche Wirtschaft 2022 wieder ihre Normalauslastung erreichen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Schilbe:
Vom Grundsatz her teilen wir das. Allerdings hat die Industrie im Moment immer noch substanzielle Probleme. Diese resultieren im Wesentlichen aus der Lieferkettenproblematik, die ein weltweites Phänomen darstellt.

Das haben wir kürzlich am Einkaufsmanager-Index für die USA beobachten können. Auch in den Vereinigten Staaten wird das Produktionswachstum durch anhaltende Materialknappheit gebremst. Gleichzeitig sind hierzulande die Auftragseingänge stark gestiegen. Die Unternehmen haben gegenwärtig immense Schwierigkeiten, an Vorleistungsgüter heranzukommen. Einer der Gründe dafür sind Staus in verschiedenen großen Häfen rund um den Globus – sei es vor der Westküste der USA in Los Angeles und im benachbarten Long Beach oder sei es in China.

Die Verzögerungen führen dazu, dass dringend benötigte Rohstoffe und Vorprodukte nicht rechtzeitig zu den Produktionsstätten transportiert werden können. Es gibt demnach einen immensen Unterschied zwischen der im Grundton nach sehr guten Auftragslage und einer massiv hinterherhinkenden Fertigung.

Was bedeutet das im Detail?
Seit 2018 haben sich die Auftragseingänge in Deutschland um 20 Prozent besser entwickelt als die Industrieproduktion – und das, obwohl beide Bereiche sehr eng miteinander korrelieren. Im Moment spielen hierbei offensichtlich Sondereffekte eine wesentliche Rolle. Wir sind aber überzeugt, dass diese sich in der nächsten Zeit relativieren. Dann müsste die Industrieproduktion 2022 wieder ansteigen und damit auch die gesamte deutsche Volkswirtschaft zulegen. Wir rechnen mit einem BIP-Wachstum von 3,6 Prozent für 2022 nach 2,6 Prozent in diesem Jahr.

Handelt es sich bei den anhaltenden Lieferengpässen nur um eine Konjunkturdelle oder bereits um einen klaren Abwärtstrend?
Das ist schwer zu sagen. Denn die Störungen in den Lieferketten könnten länger anhalten als ursprünglich gedacht. Allerdings berichten erste Unternehmen aus dem Automobilbereich, dass sich die Versorgungslage mit Rohstoffen und Vorprodukten etwas zu verbessern scheint. Die jetzt zu beobachtende Materialknappheit ist ein wesentliches Problem für unsere Wirtschaft – und das in einem Ausmaß, wie es das so noch nie zuvor gegeben hat. Es hängt vor allem damit zusammen, dass eine immense Nachfrage auf ein sehr begrenztes Angebot trifft. Umfragen zufolge werden die Bestände von fertiggestellten Produkten von den Unternehmen aktuell so niedrig wie nie zuvor eingeschätzt.

Können die steigenden Energiepreise zum großen Wachstumsrisiko für Deutschland werden?
Ich glaube, dass sich das langfristig einpendeln wird. Es gibt gegenwärtig Belastungen für den privaten Konsum, weil die Inflationsrate vor allem durch die Energiepreise nach oben getrieben wird. Angesichts der Entwicklung in den Energiemärkten, und hier speziell bei Erdgas und Strom, muss bis Jahresende mit weiter steigenden Preisen gerechnet werden. Das ist für die privaten Haushalte natürlich ein Problem, weil es Kaufkraft abschöpft. Auf der anderen Seite – und das ist ein kompensierender Faktor – haben die deutschen Haushalte in dieser Krise unfreiwillig sehr viel gespart. Denn sie konnten viele Dienstleistungen nicht wie in dem Maße vor Ausbruch der Pandemie in Anspruch nehmen.

Wie bewerten Sie die außenwirtschaftlichen Risiken?
Hier haben wir es mit einem Dynamikverlust zu tun. Das heißt, dass das Wachstum in den Exporten nachlassen wird. Im Wesentlichen deshalb, weil die Endnachfrage nicht mehr ganz so robust ist. Dabei lohnt sich ein Blick auf wichtige Auslandsmärkte der deutschen Industrie. In China beispielsweise erwarten wir, dass sich die Konjunktur 2022 verlangsamen wird. Auf der anderen Seite ist der Einkaufsmanager-Index für das Verarbeitende Gewerbe der größten Volkswirtschaft Asiens seit Monaten relativ robust. Über die USA gibt es ebenfalls ein ähnlich gutes Datenmaterial.

Was bedeutet das für den deutschen Außenhandel?
Wenn die deutschen Industriebetriebe ihre Produktion wieder vollständig aufgenommen haben und die bestehenden Materialengpässe überwunden sind, werden die Exporte wieder anziehen. Deshalb bin ich mit Blick auf das kommende Jahr relativ zuversichtlich.

Zwingt die Pandemie die Wirtschaft zum Umdenken?
Die Corona-Krise ist zu schwerwiegend als dass man einfach zu einem business as usual übergehen kann. Das gilt insbesondere für die Industrie. Die Betriebe sind gut beraten, wenn sie ihre Lieferketten diversifizieren. Der Ausbruch der COVID-19-Pandemie und die damit verbundenen negativen Folgen waren für die deutsche Wirtschaft ein Schock. Die Unternehmen konnten sich einfach nicht vorstellen, dass es zu derartigen Engpässen kommen würde. So ist beispielsweise im Automobilbereich die Produktionstätigkeit allein deshalb weggebrochen, weil dringend benötigte Halbleiter-Chips aus Fernost fehlen. Jetzt erwägen einzelne Firmen, lokal neu zu sourcen und zusätzliche Kapazitäten im Chipbereich aufzubauen.

Sind Sie für den Jahresausblick auf 2022 optimistisch oder eher pessimistisch?
Diese Frage lässt sich nicht einfach mit Ja oder Nein beantworten. Sicher ist, dass Volkswirtschaften wie beispielsweise Italien dank des langfristigen EU-Haushalts und des befristeten Aufbauplans NextGenerationEU deutliche Wachstumsimpulse erhalten werden. Schließlich stehen zur Abfederung der coronabedingten Schäden für Wirtschaft und Gesellschaft mehr als zwei Billionen Euro bereit. Andererseits gehe ich davon aus, dass wir nach der jetzt eingeleiteten ökonomischen Erholung in vielen Ländern des Kontinents über kurz oder lang eher wieder schwächere Wachstumsphasen erleben werden. Davon könnte auch Deutschland betroffen sein. Hier leidet die Volkswirtschaft zudem unter demografischen Faktoren: dem schrumpfenden Arbeitskräftepotenzial steht eine steigende Anzahl von Rentnern gegenüber.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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