Biontech-CFO erwartet „genügend Impfstoff ab April“

Beim Münchner Management Kolloquium gab sich auch 2021 wieder das Who-is-Who der deutschen Firmenchefs die Klinke in die Hand, wenn auch nur die virtuelle. Die Redebeiträge zeigten einen differenzierten Umgang mit der Corona-Pandemie. Manager zwischen Hoffen, Warten und Gestalten.

MMK 2021 Das Münchner Management Kolloquium fand 2021 digital statt. Ausgewählte Speaker fanden sich im Audimax der TU München (Bild) ein. Screenshot: Tobias Anslinger/BME

Ein baldiges Ende der Knappheit an Corona-Impfstoffen in der EU erwartet Sierk Poetting, Finanzchef des Mainzer Biotechnologieunternehmens Biontech. „Ab April werden wir genügend Impfstoff in Deutschland haben, dann schwenkt die Herausforderung stärker auf die Verteilungsfrage“, sagte Poetting am Rande des Münchener Management Kolloquiums (MMK) 2021.

Poetting erwartet, dass sich bald auch die aktuelle Priorisierungsliste beim Impfen ein Stück weit auflösen werde. Ist ausreichend Impfstoff vorhanden, gehe es vor darum, diesen möglichst rasch zu verimpfen. Dafür werde es auch die Hausärzte brauchen, sagte er. Sollte aufgrund der Mutationen ein komplett neuer Impfstoff nötig werden, sei man bei Biontech darauf vorbereitet.

Mit Blick auf die weitere Zukunft machte Poetting den Menschen Hoffnung, dass Auffrischungsimpfungen gegen Corona-Virus, die es mutmaßlich brauchen wird („das muss noch genauer untersucht werden“), eventuell als Kombipräparat zusammen mit der Grippeschutzimpfung verabreicht werden können.

BMW will Mitarbeiter selbst impfen

Tags zuvor kündigte bereits Oliver Zipse, Vorstandsvorsitzender der BMW-Group, an, die Impfung für seine Mitarbeiter ab Mai selbst organisieren zu wollen. Binnen fünf Wochen sollen dann alle Beschäftigten des Autobauers ein Impfangebot bekommen. Zipse will dadurch die kommunalen Impfzentren entlasten. Schon zu Beginn der Corona-Krise hat der Autobauer ein eigenes Team für das Corona-Management aufgesetzt, das zentral die jeweils akuten Herausforderungen der Pandemie bearbeitet: Hygienekonzepte, Lockdowns, Maskenbeschaffung und jetzt eben die Impfungen.

Zipse kann aus einer Position der relativen Stärke heraus agieren, denn BMW scheint trotz Umsatz- ( minus 5 Prozent 2020) und Gewinnrückgang (minus 27 Prozent) gut durch die Pandemie zu kommen. Vor allem das zweite Halbjahr 2020 war bereits wieder sehr ertragsstark (plus 10 Prozent über dem Vorjahreswert). „Corona war weniger Krise für uns, sondern mehr Reifetest, ob unsere Systeme stabil sind. Wir haben in der Krise fast mehr gewonnen als wir am Ende verloren haben“, betonte er beim jährlichen Top-Management-Treff an der TU München (TUM), der in diesem Jahr bereits zum 28. Mal ausgerichtet wurde.

Nachhaltigkeit Top-Thema
MMK Wildemann

Prof. Horst Wildemann, TU München

„Innovationsbeschleuniger Krise: Krisenmanagement – Hochlaufkurven – Wachstumspfade“ stand als Motto über den mehr als 80 Vorträgen und Diskussionsrunden von Unternehmern und Top-Managern, vorwiegend aus der Automobilindustrie sowie dem Maschinen- und Anlagenbau, aber auch aus Luft- und Raumfahrt, der Baubranche sowie dem Handel und der Konsumgüterindustrie. Viele fanden sich vor Ort im Audimax der TUM ein, andere waren live aus ihren Büros oder von zu Hause zugeschalten. Veranstalter des MMK ist traditionell das Beratungsunternehmen TCW rund um TUM-Professor Horst Wildemann.

Unternehmen, die glimpflich durch die Krise kommen, dürften diese dafür nutzen, ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten in den Vordergrund zu rücken. Vor allem auf die Automobilhersteller trifft das zu, davon zeugten die zahlreichen Vorträge etwa von BMW-, Audi-, Daimler- oder VW-Managern. Kritisch könnte man da einwenden: Wer über Nachhaltigkeit reden muss, der hat es noch nicht im Kerngeschäft verankert. Doch das würde zu weit führen. Natürlich müssen die großen OEMs noch viel leisten, haben aber auch schon einiges erreicht.

Auf einem guten Weg ist die Industrie darin, Nachhaltigkeit in der Lieferkette zu verankern. Diese Herausforderung sei „gar nicht so groß, wie es die Frage vermuten lässt“, sagte Gunnar Güthenke, Head of Procurement and Supplier Quality bei Mercedes-Benz Cars. Mit Blick auf die Menschenrechte etwa gebe es keine Kompromisse: „Entweder die werden beachtet, oder wir machen dort kein Geschäft.“ Beim Bezug bestimmter Rohstoffe (z.B. Kobalt) setze man zum Lieferanten-Monitoring künftig auf die Blockchain-Technologie.

Egal ob Rohstoffe, Compliance, Sozialstandards oder Umweltschutz: „Wir sind mit unseren 14.000 direkten Lieferanten in einer Wertegemeinschaft“, betonte Dirk Große-Loheide, Vorstand Beschaffung und IT bei Audi. Auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit bei Audi wolle man „Lieferanten nicht ausschließen, sondern befähigen“. Um CO2 zu reduzieren, setze man zunächst vor allem auf die Beeinflussung großen CO2-Verursacher in der Lieferkette. „Die Audi-Lieferkette soll einen positiven Einfluss auf das Leben der Menschen und die Umwelt haben“, formulierte er etwas visionär. Bei der Identifizierung von Compliance- oder Rohstoffrisiken helfe Künstliche Intelligenz.

Weiterhin ambivalent bleibt das Thema Elektromobilität. Zwar kommen immer neue Modelle auf den Markt und die Hersteller rühmen sich damit, einen bestimmten Prozentsatz ihrer Modelle bis zum Jahr X elektrifiziert zu haben. Doch weiterhin bleiben Reichweite der Batterien und Ladekapazitäten ein großes Problem. An Ersterem wird gearbeitet, Zweiteres droht jedoch, vernachlässigt zu werden. Die Ladeinfrastruktur ist maximal ein Nebengeschäft für die Hersteller. „Wir fördern den Aufbau von Ladesäulen entlang der Autobahnen. In Städten ist das allerdings schwierig für uns“, sagte BMW-Produktionsvorstand Milan Nedeljkovic. Er erwarte daher auch weiterhin einen Engpass bei der Ladeinfrastruktur in Deutschland.

Toralf Haag, CEO beim Maschinenbauer Voith, gibt der deutschen Industrie für ihre Nachhaltigkeitsbestrebungen aktuell sechs von zehn Punkten. „Wir sind auf einem guten Weg, aber es gibt noch viel zu tun, dass die Dinge nicht nur im Nachhaltigkeitsbericht stehen“, sagte er.CO2-neutral im eigenen Konzern zu arbeiten, sei das eine. Die größere Aufgabe sei aber, Produkte zu wettbewerbsfähigen Preisen herzustellen, die zu einer CO2-Reduktion oder -Neutralität beitragen. „Nach den digitalen kommen jetzt die nachhaltigen Produkte.“

Domain-Wissen gefragt

Vom „Brennglas Corona“ war an den zwei Veranstaltungstagen immer wieder die Rede, von der Tatsache, dass die Pandemie alle Entwicklungen der Unternehmen beschleunige. „Es ist nicht schön zu sehen, wo man zu spät dran ist“, sagte ADAC-Vorstand Jörg Helten.

Der Healthcare-Branche etwa hat Corona einen Innovationsschub von fünf bis sieben Jahren gebracht. MMK-Organisator Horst Wildemann sprach von „Quantensprüngen in der Krise“, die man benötige. Es ginge jetzt darum, „Domain-Wissen als kumuliertes Anwenderwissen eines Unternehmens“ zu nutzen, um es auf neue Geschäftsfelder zu übertragen. „Man muss nicht alles selbst besitzen, aber die Kompetenz haben, Technologien im Sinne des Kunden zusammenzuführen“, sagte Stephan Seifert, Vorstandsvorsitzender Hamburger Körber AG.

Festmachen lässt sich das am Beispiel Biontech: Das Unternehmen arbeitet seit seiner Gründung an der Entwicklung von Krebsmedikamenten. Der Corona-Impfstoff war eigentlich nur ein „Nebenprodukt“. Alle dabei gemachten Erfahrungen fließen allerdings direkt in die Arbeit für die Krebstherapie ein, die im Vergleich zum Corona-Impfstoff die weitaus größere Herausforderung ist.

Luftfahrtbranche zwischen Hoffen und Bangen

Weiterhin kritisch ist die Situation in der Luftfahrtbranche. Noch 2019 waren 1,2 Millionen Menschen gleichzeitig in der Luft, die Flieger waren zu 82 Prozent ausgelastet (70 Prozent sind für die Gewinnschwelle nötig). Dann kam Corona. „Unser operatives Geschäft ist auf einem historischen Tiefstand. Wir gehen davon aus, dass wir bis Mitte des Jahrzehnts auf maximal 90 Prozent des Niveaus von 2019 zurückkehren“, nannte Lufthansa-Chef Carsten Spohr die Erwartungen. Man nutze die Zeit jetzt, um die Flotte zu modernisieren – und zu verkleinern: von 800 auf 650 Flugzeuge. Ob der Luftverkehr im Sommer wieder anzieht, könne er aktuell nicht beantworten. „Wir brauchen dafür dringend digitale Impf- und Testnachweise“, forderte er.

Allerdings muss gesagt werden, dass es in der Luftfahrtindustrie bereits 2019 einige „weak signals“ gab. Das Desaster um die Boeing 737 max, hohe Kerosinpreise, die Nachhaltigkeitsdebatte („Flugscham“) oder der Protektionismus einzelner Länder haben der Branche zugesetzt. „Wir haben uns daher schon damals mit dem Szenario ‚Krise‘ beschäftigt und das für uns durchgespielt“, berichtete Mark Hiller, Geschäftsführender Gesellschafter beim Flugzeugsitzhersteller Recaro. Dadurch konnte ein Corona-bedingter Umsatzeinbruch von 60 Prozent durch zuvor angestoßene Effizienzsteigerungen sowie Einsparungen von 50 Millionen Euro an Strukturkosten abgefedert werden. Aber Hiller war ehrlich: „Es war auch Glück dabei.“

MMK 2021: Mehr Diversity gefordert

Wie üblich waren auch Management- und Führungskompetenzen wieder wichtige Themen beim MMK: Change Management, Agilität, Kreativität, Leadership, Diversität und Inklusion. Für viele zählen diese früher als „Soft Skills“ bezeichneten Kompetenzen ja längst zu den Hard Skills und sind die entscheidenden Fähigkeiten, wenn es darum geht, ein Unternehmen zukunftsfit zu machen. Auch hier hat die Corona-Krise Schwächen in einzelnen Unternehmen aufgezeigt, darüber waren sich viele Referenten einig.

Vor allem Frauen mussten in den vergangenen zwölf Monaten oft beruflich zurückstecken, weil sie sich um Kinderbetreuung oder Homeschooling kümmerten. „Ich hoffe, dass die Krise wenigstens das Bewusstsein für Diversity verändert hat. Jetzt ist die letzte Chance dafür“, sagte Ricarda Engelmeier, Founder & CEO von My Collective, einem Coaching-Unternehmen für weibliche Führungskräfte.

Weg von der Zielvereinbarung?

Isabell Welpe, Lehrstuhlinhaberin für Strategie und Organisation an der TUM, gab in ihrem Vortrag unter dem Titel „Führung 5.0“ basierend auf eigener Forschung den Führungskräften ein paar praktische Tipps für das „New Normal“. So plädierte sie etwa dafür, Überregulierung in der Mitarbeiterführung zu vermeiden. Es sei erwiesen, dass die Produktivität eines Mitarbeiters sinke, wenn er pro Woche mehr als zehn Stunden in Meetings verbringt.

Zum mittlerweile recht weit verbreiteten und beliebten „Führen über Ziele“ äußerte sie sich kritisch. Viele Ziele könne man schlicht nicht messen oder einer bestimmten Person zurechnen. Auch würden Mitarbeiter immer kreative Wege finden, den Indikator für die Zielerreichung hochzutreiben, ohne jedoch die damit beabsichtigte Wirkung zu erzielen. Sie rate Führungskräften daher, bei der Definition von „Performance“ vage zu bleiben und das mit den Mitarbeitern laufend auszuhandeln. „Am Ende des Jahres soll der Mitarbeiter mit seiner Leistung einfach positiv überrascht haben, um etwa seinen Bonus zu bekommen“, sagte sie.

Über die beiden Veranstaltungstage hinweg waren laut Veranstalter TCW über 2.000 Zuhörer beim MMK 2021 zugeschalten. Den Online-Kongress, der sich großteils über zwei parallele Streams erstreckte, ergänzten Workshops von Sponsoren sowie Programmpunkte für Studierende.

Tobias Anslinger, BME

Mehr vom BME auf...

Der BME - Mehr von und auf Twitter   Der BME - Mehr von und auf Xing   Der BME - Mehr von und auf LinkedIn   Der BME - Mehr von und auf Facebook   Der BME - Mehr von und auf Youtube

Weitere Meldungen zu: