07.09.2020 //

„Corona-Krise hat deutschen Mittelstand fest im Griff“

KfW-Konjunkturexpertin Köhler-Geib: „Der Weg aus dem Corona-Tal wird sowohl für die großen Konzerne als auch für die Klein- und Mittelunternehmen ein langer, mühsamer sein.“

Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beobachtet die Lage im deutschen Mittelstand sehr genau. Fotoquelle: KfW/Thorsten Futh Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) beobachtet die Lage im deutschen Mittelstand sehr genau. Fotoquelle: KfW/Thorsten Futh

Dr. Fritzi Köhler-Geib gab dem BME nachfolgendes Interview*. Sie ist Chefvolkswirtin der Kreditanstalt für Wiederaufbau und Leiterin der KfW Research in Frankfurt. Frau Köhler-Geib war zuvor mehr als 17 Jahre für die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds tätig. 

Fotoquelle: KfW

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BME: Die Corona-Krise hält die Märkte in Atem. Wie bewerten Sie die aktuelle Konjunkturlage in Deutschland?
Köhler-Geib:
Nach dem Tiefpunkt im April hat die Wirtschaft wieder recht schnell Fahrt aufgenommen. Dennoch bleibt die Konjunkturlage fragil. Die Unsicherheit der Unternehmen ist angesichts des Ausmaßes der Corona-Krise sehr groß. Wenn es keine weitere größere Infektionswelle geben sollte, rechne ich für dieses Jahr mit einem Wirtschaftseinbruch um die sechs Prozent. Zum Vergleich: Die Wirtschaftsleistung der EU-Staaten dürfte 2020 um rund acht Prozent fallen. Mit Blick auf Deutschland halte ich für 2021 dann aber eine Erholung in Höhe von fünf Prozent für wahrscheinlich. Damit würde unsere Volkswirtschaft gegen Ende nächsten Jahres wieder auf ihrem Vorkrisenniveau ankommen. Das ist das KfW Research Basis-Szenario.

Können Sie etwas zum Konjunkturverlauf im zweiten Quartal sagen?
Das deutsche Bruttoinlandsprodukt ist gegenüber dem Vorquartal um historisch einmalige 10,1 Prozent eingebrochen. Der bisher größte Quartalsrückgang von 4,7 Prozent auf dem Höhepunkt der großen Rezession von 2009 wurde mehr als verdoppelt,  denn die Eindämmung der ersten Infektionswelle im Frühjahr hat eine bis dato unvorstellbare Stilllegung vieler Wirtschaftsaktivitäten zur Folge gehabt. Das besondere an dieser Rezession ist, dass deshalb alle Komponenten der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage, inklusive des privaten Konsums, deutlich zurückgegangen sind. Das einzige was im ersten Halbjahr stabilisierend wirkte, war der Staatskonsum.

Immerhin deuten die Indikatoren darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft mit der schrittweisen Aufhebung der Eindämmungsmaßnahmen schon ab Mai wieder recht schnell Fahrt aufgenommen hat. Das ist auch den staatlichen Unterstützungen zu verdanken, mit dem die Unternehmen die Phase des fast globalen Lockdowns im Frühjahr überbrücken konnten.

Es ist aber auch klar, dass die aggregierten Konjunkturzahlen die unterschiedliche Betroffenheit einzelner Branchen verdecken. Die Einzelhandelsumsätze lagen beispielsweise schon im Mai wieder über dem Vorkrisenniveau, während die Industrie und das Gastgewerbe noch einen weiten Weg vor sich haben.

Was erwarten Sie für das dritte Quartal?
Im dritten Quartal werden wir bei Veröffentlichung der Destatis-Zahlen ein sehr deutliches Wachstum sehen. Hier zeigt sich die Erholung, die schon mit der Lockerung der Corona-Eindämmungsmaßnahmen begonnen hat. Danach dürfte sich die Wirtschaft langsam auf das Vorkrisenniveau zurückkämpfen. Als Exportnation ist Deutschland jedoch abhängig davon, wie sich die Konjunktur im Ausland entwickelt. Eine zweite Corona-Welle in Deutschland ist außerdem ein großes Risiko.

Was passiert bei einer zweiten Corona-Welle?
Natürlich würde eine zweite Welle die Wirtschaft erneut belasten. Allerdings wären die Auswirkungen auf den Industrie- und Dienstleistungssektor nicht so heftig wie noch im März/April. Ich gehe vielmehr davon aus, dass ein Shutdown – anders als beim letzten Mal – regionaler gehandhabt werden könnte.

Wie hart hat die Corona-Krise den Mittelstand getroffen?
Der Weg aus dem Corona-Tal wird sowohl für die großen Konzerne als auch für den Mittelstand als auch ein langer, mühsamer sein. Das zeigt die zweite repräsentative Sonderbefragung von KfW Research auf Basis des KfW-Mittelstandspanels von Anfang Juni 2020. Danach hat die Corona-Krise den deutschen Mittelstand fest im Griff. Ihre Umsatzeinbußen sind gravierend und dürften sich für die Monate März bis Mai auf insgesamt 250 Milliarden EUR summieren. Beim Blick nach vorn ist dennoch vorsichtiger Optimismus angezeigt: Mit dem umfassenden Corona-Schutzschirm des Staates und den Erfolgen bei der Eindämmung der Virus-Infektionen ist Deutschland auf einem guten Weg. Wichtig ist nun vor allem Vertrauen in eine nachhaltige Erholung. Das neue Konjunkturprogramm der Bundesregierung setzt hierfür willkommene Impulse.

Wie steht es um die Liquidität?
Die Ausgangslage der mittelständischen Unternehmen war zu Anfang der Krise gut. Denn sie haben ihre Eigenkapitalquote von rund 18 Prozent um die Jahrtausendwende auf 31 Prozent 2018 erhöht. Das verschafft jetzt Puffer. Dazu kommt, dass fast die Hälfte der mittelständischen Unternehmen erwartet, dass ihre Eigenkapitalsituation trotz Corona gleichbleibt oder sich sogar verbessert. Die Liquiditätslage mittelständischer Unternehmen hat sich auch in der Krise wieder leicht entspannt. Ein grösser werdender Anteil von Unternehmen gibt an, dass ihre Liquiditätsreserven ausreichen, die Krise zu überbrücken. Allerdings müssen wir die Entwicklung der Liquiditätslage im Mittelstand weiter beobachten. Eine Vielzahl dieser Unternehmen spürt weiterhin eine starke Belastung der Liquidität. Die Gefahr der Zahlungsunfähigkeit ist für sie trotz Lockerungen der Corona-Beschränkungen nicht gebannt.

Welche Lehren sollten die Unternehmen aus der Corona-Krise ziehen?
Die Corona-Krise bringt viel in Bewegung und eröffnet damit auch die Möglichkeit für Veränderungen. Notgedrungen erfinden sich viele Unternehmen in Deutschland zurzeit neu: Beispielsweise passen sie jetzt ihre Geschäftsmodelle und Produktpaletten an – auch das haben unsere ad-hoc-Befragungen unter deutschen Mittelständlern ergeben. Es ist ein echter Erfindergeist zu beobachten. Um die Weichen hin zu einem nachhaltigeren Wirtschaften zu stellen und die damit verbundenen Chancen zu nutzen, sind meiner Einschätzung nach fünf Handlungsfelder entscheidend.

Könnten Sie diese näher erläutern?
Es geht uns vor allem um die Erhöhung der Krisenfestigkeit der Wirtschaft: Grundsätzlich ist Deutschland bisher gut durch die Corona-Krise gekommen. Die Pandemie hat jedoch die Verwundbarkeit unserer Wirtschaft und Gesellschaft offengelegt. Eine erhöhte Krisenfestigkeit ist ein wichtiger Pfeiler einer nachhaltigen Entwicklung, verursacht jedoch gleichzeitig Kosten. Investitionen in eine erhöhte Krisenfestigkeit und den Umbau zu nachhaltigen Strukturen zahlen sich aus, auch wenn dadurch gegebenenfalls die Verschuldung steigt.

Wichtig ist uns auch das Vorantreiben der Klimaneutralität: Die Corona-Krise birgt die Chance, dass die Gesellschaft die Klimakrise und die Dringlichkeit von Lösungen zum Schutz des Klimas neu bewertet. Die notwendigen Ressourcen für das Erreichen von Klimaneutralität zu verwenden ist auch eine Frage von Krisenfestigkeit. Ein entsprechend ausgestaltetes Wachstums- und Investitionsprogramm kann dabei mit Blick auf die erforderlichen öffentlichen Investitionen und die Anreize für private Investitionen einen wichtigen Beitrag leisten. Ein Hauptansatzpunkt für nachhaltige Mobilität ist eine höhere Marktdurchdringung bei Elektromobilität und der Ausbau der nötigen Ladeinfrastruktur.

Ein drittes Handlungsfeld richtet sich auf das Umsetzen von Digitalisierung und Erfindergeist in Produktivitätssteigerungen: Die Krise hat notgedrungen den Erfindergeist in vielen Unternehmen geweckt, sie haben Geschäftsmodelle angepasst und in digitalen Lösungen umgesetzt. Diese Kreativität und Nutzung moderner Technik müssen zukünftig in Produktivitätssteigerungen und Krisenfestigkeit übersetzt werden, damit wir unseren Wohlstand aufrechterhalten können. Großer Investitionsbedarf besteht in der digitalen Infrastruktur und im Aus- und Weiterbildungsbereich. Für mehr Innovationen braucht es zusätzliche Finanzierungsangebote für die Entwicklung neuer Ideen, Geschäftsmodelle und digitaler Lösungen bei Unternehmen.

Viertens geht es mir um die Stärkung der internationalen Vernetzung und deren Nutzung für krisenfestes Wirtschaften: Der Erhalt der internationalen Arbeitsteilung ist für Deutschland trotz der in der Corona-Krise offenbarten Abhängigkeit von anderen Volkswirtschaften existenziell. Damit Unternehmen ihre Risiken hinsichtlich Wertschöpfungsketten und Absatzmärkten diversifizieren können, sind sie auf fairen internationalen Handel angewiesen. Gerade kleineren Unternehmen hilft eine Unterstützung bei der Erschließung zusätzlicher Beschaffungs- oder Absatzmärkte. Damit können sie das Risiko von gestörten Lieferketten oder Umsatzausfällen reduzieren.

Last but not least umfasst das fünfte Handlungsfeld Europa zu stärken und für zukünftige Herausforderungen zu rüsten: Die Unterstützung für ein stabiles Europa ist im Eigeninteresse Deutschlands. Die Einigung auf ein finanzielles Sicherheitsnetz zur Bewältigung der Krise ist ein erster Erfolg für die Stabilität Europas. Ein Europäischer Wiederaufbaufonds birgt wie ein Wachstums- und Investitionsprogramm für Deutschland die Chance, die Krise für eine Fokussierung auf strategische Zukunftsfelder zu nutzen.

Hat die Corona-Krise einen positiven Einfluss auf den Fachkräftemangel in Deutschland?
Weil die Corona-Krise ein heftiger Wirtschaftsschock mit zumindest temporär steigender Arbeitslosigkeit ist, meinen viele, deshalb würde der Fachkräftemangel nun weniger ins Kontor schlagen. Dem ist aber nicht so. Denn genau die Bereiche der Wirtschaft, die besonders wenig von der Pandemie betroffen sind, klagen über akute Personal-Engpässe. Dazu zählen beispielsweise das Pflegewesen und alle Dienstleistungen rund um das Thema Digitalisierung. Ein gutes Beispiel ist auch die Baubranche: Sie ist einerseits am wenigsten von Corona betroffen und gilt als Stütze der Konjunktur. Andererseits fehlen dort Mitarbeiter an allen Ecken und Enden. Deshalb zieht das Argument, die Corona-Krise würde den Fachkräftemangel mildern, für mich nicht.

Welche langfristigen Lösungsansätze schlagen Sie vor?
Ein Ausweg könnte die Erhöhung der Erwerbsbeteiligung von Frauen sein. Wäre diese genauso hoch wie bei Männern, gäbe es in Deutschland zwei Millionen mehr Arbeitskräfte. Die deutsche Wirtschaft kann dem Fachkräftemangel und der Produktivitätsschwäche vor allem auch mit mehr Investitionen, Innovationen sowie Bildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen entgegenwirken. Diese Zutaten benötigt unsere Wirtschaft auch, um die Corona-Krise und ihre Folgen möglichst schnell zu überwinden. Wir brauchen deshalb für die kommenden Jahre eine langfristig angelegte Wachstums- und Investitionsinitiative von Staat und Wirtschaft – und das nicht nur in Deutschland, sondern auch in Europa. Zentrale Handlungsfelder sind Krisenfestigkeit, Klimaschutz, sowie Produktivitätssteigerungen durch Innovation und Digitalisierung.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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