„Corona-Krise ist Zäsur für den Bahnsektor“

Dr. Richard Lutz, CEO der Deutschen Bahn AG, auf dem 7. Railway Forum 2020 – Digital Edition: Trotz Pandemie sei der Trend zu klimafreundlicher Mobilität und Logistik und damit zum Verkehrsträger Schiene ungebrochen.

Bahnchef Lutz (im Bild): „Wir stehen nicht nur vor einer Renaissance der Eisenbahn, sondern auch vor einer Wiederentdeckung der europäischen Verkehrspolitik.“ Foto/Screenshot: Frank Rösch/BME Bahnchef Lutz (im Bild): „Wir stehen nicht nur vor einer Renaissance der Eisenbahn, sondern auch vor einer Wiederentdeckung der europäischen Verkehrspolitik.“ Foto/Screenshot: Frank Rösch/BME

„Die Corona-Pandemie hat uns alle vor riesige Herausforderungen gestellt. Dennoch hat der Bahnsektor in einer schwierigen Zeit seinen Beitrag zum Funktionieren der Gesellschaft geleistet“, sagte Dr. Richard Lutz, CEO der Deutschen Bahn AG, zur Eröffnung des 7. Railway Forums 2020 – Digital Edition*. Das gelte insbesondere für die Aufrechterhaltung der Mobilität von Menschen sowie für die logistische Versorgung von Industrie und Bevölkerung in Deutschland und Europa. Auf der eintägigen virtuell durchgeführten Fachkonferenz diskutierten nach Angaben des Veranstalters IPM AG (Institut für Produktionsmanagement) mehr als 3.300 Teilnehmer, darunter 35 Führungskräfte von Bahnindustrie und Politik, über aktuelle gloale Trends, neue Produktlösungen und zukünftige Strategien des Verkehrsträgers Schiene.

„Die Corona-Krise bedeutet für den gesamten Bahnsektor eine Zäsur“, so Lutz weiter. Sowohl im Personen- als auch im Schienen- und Güterverkehr sei die Nachfrage eingebrochen. Damit sei die grüne Mobilitätswende zunächst ausgebremst worden. Trotzdem sei der Trend zu klimafreundlicher Mobilität und Logistik und damit zum Verkehrsträger Schiene ungebrochen.

Mit Blick auf Europa verwies der Bahnchef darauf, dass die Stärkung der Schiene nicht an den Grenzen haltmachen dürfe. „Wir müssen den ganzen Kontinent im Blick haben. Denn nur so können wir die Vorteile des Verkehrsträgers Schiene voll ausspielen“, zeigte sich Lutz überzeugt. Es sei zudem deutlich zu spüren, dass sich in Europa etwas bewege. „Wir stehen nicht nur vor einer Renaissance der Eisenbahn, sondern auch vor einer Wiederentdeckung der europäischen Verkehrspolitik.“ Denn Klimawende funktioniere nicht ohne Mobilitätswende; Klimapolitik und Verkehrspolitik dürften an den Grenzen nicht haltmachen.

In Anspielung auf die Diskussion um den „European Green Deal“ der EU-Kommission und das damit ausgegebene Ziel der Klimaneutralität bis 2050 erläuterte Lutz, es gehe dabei langfristig um eine attraktive Vision für den grenzüberschreitenden Personenverkehr. Schon heute könne der Reisende von Deutschland aus 150 ausländische Metropolen mit der Bahn erreichen. Aber da „geht mehr, da ist noch Luft nach oben“, so Lutz. Es sei auch eine Vision für einen effizienten Güterverkehr erforderlich. Hier müsse die Bahn „den Einzelwagenverkehr nicht nur in den einzelnen Ländern, sondern auch auf europäischer Ebene aus seinem stiefmütterlichen Dasein herausführen“. Hier gebe es noch viel zu tun. Als dritten Punkt zur Erreichung der Klimaziele sei eine robuste und resiliente Infrastruktur erforderlich. Sie müsse digital vernetzt und gut ausgebaut sein. Als Stichwort nannte Lutz hier die „Transeuropäischen Netze“ (TEN). Last but not least gehe es bei allen Projekten um eine solide Finanzierung.

„Wir leben in ausgesprochen turbulenten Zeiten. Neben politischen Unwägbarkeiten, zählen insbesondere die Corona-Pandemie und der Klimawandel zu den größten Herausforderungen der Weltwirtschaft und damit auch der Bahnindustrie und der Bahnbetreiber“, sagte Prof. Dr. Johannes Walther, CEO der IPM AG, in seiner Eröffnungsrede.

„Unser Unternehmen hat die Corona-Krise bisher gut gemanagt“, betonte Uwe Günther, CPO der Deutschen Bahn AG und Schirmherr des 7. Railway Forums. Allerdings sei Krisenmanagement allein keine Strategie. Deshalb bleibe die Strategie „starke Schiene nach wie vor die Richtschnur unseres Handelns“, fügte Günther hinzu.

„Die Schiene soll das Verkehrsmittel des 21. Jahrhunderts werden. Nur dann lassen sich die Klimaziele 2030 erreichen und nur dann finden wir klimafreundlich aus der Corona-Krise heraus, so Dr. Ben Möbius, Managing Director der German Railway Industry Association (VDB). Nie „hatte der Bahnsektor mehr Verantwortung und nie mehr Chancen. Wir glauben an die Attraktivität der Schiene 4.0, die sich auf dem Markt durchsetzen wird. Automatisierung, Digitalisierung, intermodale Vernetzung, Design und Lifestyle – wir haben alle Instrumente für eine wahre Mobilitätsrevolution“, so Möbius weiter. Es gehe um bessere Mobilität bei null Emission.

Die Corona-Krise habe gezeigt, dass auf die Schiene Verlass sei. Denn mit der Bahn seien lebenswichtige Güter wie Medizin, Pharma und Lebensmittel transportiert worden. Die Bahnindustrie in Deutschland habe bei striktestem Gesundheitsschutz weiter geliefert. Als Stichworte nannte Möbius in diesem Zusammenhang Produktion, Ersatzteile, Wartung und Baustellen. Das alles sei seiner Ansicht nach „resiliente Industrie, auf die sich die Kunden weltweit verlassen können“. Der green Restart und die Mobilitätsrevolution seien jetzt für den Bahnsektor die neue Mission. „Wir sind bereit, die damit verbundenen Herausforderungen anzunehmen“, so Möbius abschließend.

„Die CO2-Emissionen sind in den vergangenen Jahren überall gesunken – nur im Verkehrssektor nicht, stellte Dr. Sigrid Nikutta, Vorstand Güterverkehr der Deutschen Bahn AG und Vorstandsvorsitzende der DB Cargo, in ihrem Statement fest. Das liege daran, dass die Wirtschaft immer mehr Güter mit dem Lkw statt mit der Bahn befördern lasse. Eine Tonne, die auf der Schiene und nicht mehr auf der Straße transportiert werde, spare automatisch 80 Prozent CO2. „Deshalb setzen wir uns für eine stärkere Nutzung des Verkehrsträgers Schiene ein“, betonte Nikutta. Damit könnte es ihrer Ansicht nach langfristig gelingen, die gesteckten EU-Klimaschutzziele zu erreichen.

Deutschland verfüge über 2.000 Güterverkehrsstellen, neun große Rangierbahnhöfe und 140 Knotenbahnhöfe. Das gesamte System sei europaweit eingebunden und stelle ein gigantisches Umweltnetzwerk dar. Die Verlagerung der Warenströme von der Straße auf die Schiene ist also möglich. Das bestehende Umweltnetzwerk sei aufnahmefähig, insbesondere im Einzelwagenverkehr. Nikutta: „Hier können wir das Volumen – ohne mit der Wimper zu zucken – verdoppeln, wenn nicht sogar mehr.“ Gegenwärtig fahre DB Cargo 20.000 Güterzüge pro Woche. Damit ersetze die Bahn rund eine Million Lkw pro Woche und vermeide jährlich 6,5 Millionen Tonnen CO2.

Der Einzelwagenverkehr sei für DB Cargo von besonderer Bedeutung. Die Bahn hole Wagen oder Warengruppen bei den Kunden ab, befördere sie über die Schiene und stelle diese dann den Kunden wieder zu. Das System sei sehr umweltschonend, aber auch aufwendig. Die DB Cargo habe kürzlich einen Vertrag über die Lieferung von Zweikraftlokomotiven unterschrieben. Dabei handelt es sich um hybride Triebfahrzeuge, die mit zwei unterschiedlichen Energiequellen – entweder elektrisch oder mit Diesel betrieben werden können. Zweikraftlokomotiven hätten darüber hinaus den Vorteil, dass sie sehr leistungsstark seien, sich im Rangierbetrieb einsetzen lassen, aber auch auf Strecke gehen können. Damit entfielen zeitraubende Umspannvorgänge. Alles in allem werde der Güterverkehr dadurch schneller, effizienter und noch umweltfreundlicher als er heute schon sei. 

*Vom 7. Railway Forum 2020 – Digital Edition berichtete Frank Rösch, BME.

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