Covid-Impfstoff: Jetzt sind die Logistik-Profis gefragt

Die rasche Entwicklung eines Impfstoffes gegen Covid-19 war eine medizinische Meisterleistung. Die weltweite Verteilung von Milliarden Impfdosen und die Impfungen selbst werden ein logistisches Jahrhundertprojekt.

Covid-Impfstoff Logistik Der Covid-Impfstoff ist da, jetzt warten viele sehnsüchtig auf die Impfung. Die Logistik ist gefordert. Foto: Freepik

Nach den positiven Meldungen rund um einen Covid-Impfstoff durch die Firmen Biontech, Pfizer, Moderna, Curevac und Astra Zeneca in den vergangenen zwei Wochen haben Politik und Wirtschaft schnell erkannt, dass die Verteilung des Impfstoffs samt Impfung der Bevölkerung eine mindestens ebenso große Herausforderung wird wie die Entwicklung des Vakzins selbst – allen voran eine logistische.

Die Zahlen sind so riesig wie sie klingen: Der Logistikkonzern DHL kommt in seinen Berechnungen gemeinsam mit den Consultants von McKinsey auf 10 Milliarden Impfdosen, 200.000 Paletten, 15 Millionen Kühlboxen und 15.000 Flüge, die in den kommenden zwei Jahren benötigt würden. Konkurrent Kühne+Nagel rechnet damit, dass 11 bis 15 Milliarden Impfdosen nötig seien und beruft sich dabei auf Berechnungen von Seabury Consulting.

Welche konkrete Durchimpfungsrate in den einzelnen Ländern damit erreicht werden kann, ist noch unklar und hängt von verschiedenen Faktoren ab. In Deutschland wurde noch keine konkret angestrebte Durchimpfungsrate genannt, Gesundheitsminister Spahn spricht lediglich von einer „möglichst hohen“. In Österreich wurde vom Gesundheitsministerium ein Ziel von 50 bis 60 Prozent ausgegeben. Manche Experten nennen ein erforderliche Durchimpfungsrate von 75 Prozent, bei der von einer anschließenden Herdenimmunität gegen das Coronavirus ausgegangen werden könne.

Covid-Impfstoff: Wettlauf der Logistik-Konzerne

„Interessant wird es sein, welcher Hersteller wann, in welcher Menge und an welches Land ausliefern kann. Logistiker sollten diese Entwicklungen genau verfolgen und sich darauf vorbereiten“, rät Andreas Wieland, Associate Professor of Supply Chain Management an der Copenhagen Business School (CBS).

DHL etwa bereitet gerade unterschiedliche Standorte auf die Verteilung vor. Ein zentraler Hub für die Verteilung in Europa werde ein Life Science Health Care Standort in den Niederlanden sein, wie ein DHL-Firmensprecher gegenüber dem BME erklärte. Darüber hinaus prüfe man weitere Standorte.

Auch bei Kühne+Nagel freut man sich, bereits erste Verträge zur globalen Verteilung und Lagerung von Covid-19-Impfstoffen abgeschlossen zu haben. Mit der hauseigenen „Pharma Chain“, einer Logistiklösung, die Luftfracht, Landverkehre und Lagerung kombiniert, sei man bereit für „die globale Verteilung und Lagerung“ des Impfstoffes, so ein Firmensprecher gegenüber dem BME. Man habe ein etabliertes Pharma-Distributionsnetzwerk mit 230 Standorten weltweit und verfüge sowohl in den Distributionszentren als auch bei Landverkehren über die entsprechenden Kühlungsmöglichkeiten.

Herausforderung Kühlung des Covid-Impfstoffs

Ein entscheidendes Kriterium für den Erfolg dieser logistischen Jahrhundertaktion wird es sein, welche Anforderungen die Vakzine während des Transports und der Auslieferung an die Kühlung haben. Erforderliche Tiefsttemperaturen wie etwa die bekannten minus 70 Grad beim Impfstoff von Biontech/Pfizer würden die Logistik deutlich erschweren, wie Andreas Wieland sagt: „Für derart tiefe Temperaturen sind die meisten Kühlinfrastrukturen nicht ausgelegt.“ Er erwarte hier allerdings noch Verbesserungen bei der Temperaturempfindlichkeit des Vakzins.

Andernfalls sehe er vor allem Probleme auf der „letzten Meile“ zu den Impfzentren. In Entwicklungsländern hätten dann jene Vakzine Vorteile, die auch bei höheren Temperaturen transportiert bzw. gelagert werden können, trotz ihres möglicherweise geringeren Impfschutzes. Viele der üblichen Impfstoffe werden übrigens bei zwei bis acht Grad gelagert und transportiert.

Transparenz in Lieferketten verbesserungswürdig

Unstrittig ist, dass die erforderlichen Temperaturen während der gesamten Supply Chain eingehalten werden müssen. Aktuell würden mindestens 25 Prozent der Impfstoffe einer Lieferung unbrauchbar sein, weil Kühlketten reißen, wie der Economist jüngst ausführte. „Hier liegt die Herausforderung weniger auf Seiten der Logistiker, sondern eher darin, dass zum Beispiel Apotheken und Krankenhäuser in der Regel nur bis minus 20 Grad lagern können“, heißt es etwa seitens DHL. Die Bonner investierten genau in solche „Deep Freezer“.

Hinsichtlich einer durchgängigen Nachverfolgbarkeit und einer möglichst hohen Transparenz in der Supply Chain weist das Unternehmen in seinem Whitepaper „Delivering Pandemic Resilience“ darauf hin, dass dies „weiterhin herausfordernd bleibe“ aufgrund der Komplexität der Supply Chains, der nur beschränkten Bereitschaft der unterschiedlichen Beteiligten, Daten zugänglich zu machen und zu teilen sowie der fehlenden Harmonisierung der Daten und Interoperabilität bei den Partnern. Das erschwert auch den Einsatz der Blockchain-Technologie, auf die die Logistiker aktuell daher nicht setzen.

„Logistik der Geimpften“ berücksichtigen

Nicht vergessen werden darf auch, dass es mit dem Impfstoff allein noch nicht getan ist – denn dieser muss noch in Ampullen gefüllt werden, zur Impfung selbst braucht es außerdem Nadeln und Spritzen. „An die Ausrüstung werden oft nochmals ganz andere Ansprüche gestellt“, weiß CBS-Professor Andreas Wieland. Auch diese müssen bedient werden.

In Deutschland sind die Bundesländer bis Mitte Dezember gefordert, Impfzentren aufzubauen und startklar zu haben. Wieland weist in diesem Zusammenhang auf einen weiteren erforderlichen Aspekt hin, nämlich die „Logistik der Geimpften“.

Wenn jeder Impfling zwingend zwei Impfungen benötigt, müsse sichergestellt werden, dass die zweite Impfung nicht vergessen wird oder die Menschen aus anderen Gründen nicht zur zweiten Runde kommen. „Datenhaltung, gute Erreichbarkeit der Impfzentren auch für Personen mit Einschränkungen und von der Wirtschaft unterstützte Impfkampagnen sind daher wichtige Maßnahmen für die gewünschte hohe Durchimpfungsrate“, so der Wissenschaftler.

Tobias Anslinger, BME

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