26.01.2021Politik & Wirtschaft

„Das weltwirtschaftliche Gefüge wackelt“

Prognos-Studie: Nordamerika, West- und Mitteleuropa werden an ökonomischer Bedeutung verlieren, aber wichtige Wirtschaftsräume bleiben.

Eine Analyse der Prognos AG hat ökonomische und politische Rahmenbedingungen der nächsten 20 Jahren in den Blick genommen. Die Untersuchung wurde im Auftrag der vbw – Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e. V. durchgeführt. Danach werden den Prognos-Berechnungen zufolge die demografischen und ökonomischen Verschiebungen in den nächsten 20 Jahren dazu führen, dass der „Westen“ – also Nordamerika, West- und Mitteleuropa – an ökonomischer Dominanz verliere, aber weiterhin einen großen Absatzmarkt darstelle. Vor allem Ostasien, der Pazifikraum und teilweise auch Südasien würden an wirtschaftlichem Gewicht gewinnen, erklärt Prognos-Studienautorin Heidrun Weinelt. Mit Ausnahme dieser beiden Weltregionen sei ein nennenswerter Aufholprozess der Schwellen- und Entwicklungsländer in den nächsten zwei Dekaden aber nicht zu erwarten. Das derzeitige Wohlstandsgefälle zwischen dem Westen und den übrigen Weltregionen – gerade Sub-Sahara Afrika – sei zu groß und der Betrachtungszeitraum bis zum Jahr 2040 dafür zu kurz. Das Autorenteam erwarte, dass die langfristige Entwicklung von Bevölkerung, Wirtschaftsleistung und Kaufkraft gerade in Ostasien und dem Pazifikraum in den nächsten 20 Jahren erhebliche Marktpotenziale für die heimische Exportindustrie biete. Das gelte für alle in der Studie untersuchten Produktkategorien (medizinische Produkte, Fahrzeuge, Maschinen und Anlagen, Energie- und Straßeninfrastruktur). Der wichtigste, wenngleich nicht der einzige Treiber in dieser Region sei China. Auf diese langfristigen Verschiebungen der globalen Nachfrage seien deutsche und bayerische Unternehmen bislang nur in Teilen vorbereitet.

Von West nach Ost – Verschiebung des ökonomischen Kräfteverhältnisses

Die langfristige Verschiebung der ökonomischen Kräfteverhältnisse von West nach Ost könnte sich in veränderte politische Machtverhältnisse übersetzen und damit neue Spielregeln für den internationalen wirtschaftlichen Austausch bedeuten. Sie könnte mit einer verstärkten Deglobalisierung einhergehen, falls geopolitisches Kräftemessen infolge neuer Wirtschaftsmächte, protektionistische Tendenzen im Zuge der Corona-Pandemie oder die Kritik an der gegenwärtigen, westlich geprägten Handelsordnung zunehmen. Die Studie zeig deutlich, dass Deutschland und die EU von einer Deglobalisierung empfindlich getroffen würden. Eine Abschottung einzelner Volkswirtschaften bis hin zu einer hypothetischen Blockbildung von China und dem asiatisch-afrikanischen Raum auf der einen Seite sowie den Vereinigten Staaten und dem europäisch-westlichen Raum auf der anderen Seite würden die in hohem Maße ausdifferenzierte, internationale Arbeitsteilung erheblich beeinträchtigen und damit Produktion, Einkommen und Kaufkraft in Bayern, Deutschland und der Europäischen Union schwächen. Das gelte insbesondere für die nächsten Dekaden, wenn die europäischen Volkswirtschaften im Zuge ihrer demografischen und ökonomischen Entwicklung an Wachstumspotenzial für die heimische Exportindustrie einbüßen und die größten Marktpotenziale stattdessen in Asien und Nordamerika liegen werden.

EU = Stabilisator der globalen Wirtschaftsordnung

Aber auch die Rolle und das Selbstverständnis der EU selbst seien von Bedeutung. Als großer Wirtschaftsraum mit 27 Mitgliedstaaten sei sie für außereuropäische Volkswirtschaften wie die USA oder China ein wichtiger Partner, nicht nur umgekehrt. Vor diesem Hintergrund könnte die EU einen zentralen politischen Beitrag zur langfristigen Stabilisierung und Weiterentwicklung der globalen Wirtschaftsordnung leisten, von der alle Ökonomien weltweit profitieren können.