Deutsch-britischer Handel leidet unter Brexit

Die IHK-Umfrage "Going International 2021" untersucht Auswirkungen des EU-Austritts Großbritanniens auf die deutsche Wirtschaft.

Keine Überraschung: Der deutsche Außenhandel mit Großbritannien ist durch den Brexit sehr viel komplizierter geworden. Foto: pixabay.com Keine Überraschung: Der deutsche Außenhandel mit Großbritannien ist durch den Brexit sehr viel komplizierter geworden. Foto: pixabay.com

Der Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem Binnenmarkt wirkt sich negativ auf die deutsch-britischen Geschäfte aus. Der Abschluss des Handels- und Kooperationsabkommens kann dies nur teilweise auffangen, geht aus der IHK-Umfrage „Going International 2021“ hervor. Diese wurde mit Unterstützung der 79 Industrie- und Handelskammern in Deutschland im Februar 2021 erstellt, heißt es auf der DIHK-Homepage. Die Trendauswertung zum Brexit basiere auf den Antworten von rund 1.200 Unternehmen, die mit Großbritannien geschäftlich in Verbindung stehen. Hinzu kämen die Auswirkungen der Corona-Pandemie, die eine weitere Belastung für das britische Auslandsgeschäft deutscher Unternehmen darstellten.

Den Umfrage-Ergebnissen zufolge beurteilen 60 Prozent der Unternehmen ihre aktuelle Geschäftssituation im Vereinigten Königreich als schlecht; 57 Prozent erwarten für 2021 eine weitere Zuspitzung. Drei von vier Unternehmen hätten oder erwarteten zusätzliche Zollbürokratie. Daneben seien Logistikprobleme, rechtliche Unsicherheiten und eine Zunahme tarifärer Handelshemmnisse die häufigsten Auswirkungen des Austritts des Vereinigten Königreichs aus dem europäischen Binnenmarkt für die Unternehmen. Jedes sechste Unternehmen plane Investitionsverlagerungen vom Vereinigten Königreich in andere Staaten – vornehmlich nach Deutschland und in andere Länder der EU.

Folgen des Brexit für deutsche Unternehmen


Auswirkungen des Handels- und Kooperationsabkommens

Seit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt zum 1. Januar 2021 ist zwischen UK und der Europäischen Union das Handels- und Kooperationsabkommen (EU-UK Trade and Cooperation Agreement, TCA) vorläufig in Kraft.

Für deutsche Unternehmen ergäben sich daraus in ihrem britischen Auslandsgeschäft zahlreiche Änderungen. Dazu gehörten zum Beispiel neue Zollanmeldungen und Zollkontrollen im grenzüberschreitenden Warenverkehr. Der DIHK geht davon aus, dass deutsche Unternehmen nun jährlich rund zehn Millionen Zollanmeldungen einreichen müssen.

Handel über den Ärmelkanal bereits eingebrochen

Das deutsch-britische Handelsvolumen umfasst rund 102 Milliarden Euro. Aktuell ist das Vereinigte Königreich achtwichtigster Handelspartner der Bundesrepublik; damit verliere es im dritten Jahr in Folge einen Platz in der Rangfolge. 2017 rangierte UK noch auf Platz fünf der größten deutschen Handelspartner.

Die deutschen Exporte auf die britische Insel sind laut DIHK-Angaben seit dem Referendum 2016 merklich gesunken: von 89 Milliarden Euro 2015 auf rund 67 Milliarden Euro im vergangenen Jahr. In diesem Zeitraum fiel das Vereinigte Königreich auf der Liste der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands von Rang drei auf Rang fünf zurück.

Im Vorjahresvergleich sanken die deutschen Ausfuhren auf die britische Insel 2020 um 15 Prozent. Für 2021 erwartet der DIHK auf Grundlage der Unternehmensantworten eine Stagnation der Exporte nach UK; damit dürfte das Land in der Rangliste der deutschen Ausfuhren sogar auf Platz sechs abrutschen.

Etwa 750.000 Arbeitsplätze in Deutschland hängen vom Export nach Großbritannien ab, heißt es weiter.

Einschätzung der Unternehmen

Mit dem Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem EU-Binnenmarkt beurteilen die deutschen Unternehmen ihre britischen Geschäftsbeziehungen so negativ wie noch nie seit Beginn der Sondererhebungen zum Brexit im Jahr 2017. Drei von fünf Unternehmen bewerten ihre Geschäfte mit UK als schlecht. Lediglich zehn Prozent bezeichnen ihre Lage als gut.

Zum Vergleich: Die Geschäftsbeziehungen zu EU-Ländern ohne Euro-Währung schätzten 28 Prozent der deutschen Unternehmen als gut ein, 23 Prozent als schlecht. Das geschäftliche Verhältnis zu den Ländern der Eurozone sei für 33 Prozent der Betriebe positiv, für 21 Prozent negativ. Gegenüber der Vorjahresumfrage, die die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie noch nicht abbildete, sei die Stimmung im Auslandsgeschäft mit den Briten deutlich trüber geworden.

Überwiegend negativ bewerten die deutschen Unternehmen auch ihre Perspektiven im Vereinigten Königreich in den kommenden zwölf Monaten. 57 Prozent sehen für diese Zeit eine weitere Verschlechterung ihrer Geschäftsbeziehungen zu UK, nur sieben Prozent rechnen mit einer Verbesserung. Zum Vergleich: Die Erwartungen an die Geschäfte mit anderen EU-Staaten ohne Euro (20 Prozent besser, 18 Prozent schlechter) und den Ländern der Eurozone (25 Prozent besser, 19 Prozent schlechter) fallen deutlich optimistischer aus.

Verlagerung von Investitionen geplant

Deutsche Unternehmen haben den DIHK-Angaben zufolge über 160 Milliarden Euro im Vereinigten Königreich investiert. Damit sei UK nach den USA der zweitgrößte Investitionsstandort deutscher Betriebe weltweit. In rund 2.500 deutschen Niederlassungen auf der britischen Insel würden über 400.000 Mitarbeiter beschäftigt.

Nahezu unverändert zur Vorumfrage und trotz des Handels- und Kooperationsabkommens plane jedes sechste Unternehmen, das im Vereinigten Königreich investiert hat, eine Verlagerung seines Engagements auf andere Märkte respektive habe dies bereits getan. Bei der ersten Erhebung 2017 hätten nur neun Prozent der Befragten entsprechende Absichten geäußert. Aktuell kehren die Investitionen vornehmlich zurück nach Deutschland oder in andere EU-Länder beziehungsweise in die Schweiz und nach Norwegen. Der Großteil der Betriebe mit Investitionsverlagerungen entscheidee sich für den Verbleib im EU-Binnenmarkt.

Auswirkungen des Brexit auf die Unternehmen

Wie im Vorjahr bewerten die Unternehmen die Zollbürokratie als das größte Geschäftsrisiko (75 Prozent). Die notwendigen Zollanmeldungen seien oftmals zeitaufwendig und mit zusätzlichen Kosten verbunden. Mehr als die Hälfte der Umfrageteilnehmer habe zudem aktuell Probleme in der Logistik. So gebe es zum Beispiel Probleme mit der britischen Zoll-Software und angesichts der umfangreichen Dokumentationspflichten Überlastungen bei britischen Zöllnern und Zolldienstleistern sowie Geschäftspartnern.

Weiterhin sehe fast die Hälfte der Unternehmen rechtliche Unsicherheiten oder eine fehlende Planbarkeit im Geschäft mit UK. Schließlich seien beim Handels- und Kooperationsabkommen zukünftig in einzelnen Detailfragen Änderungen oder Konkretisierungen möglich. Gleichzeitig stünden verschiedene Deadlines an, in deren Folge Teile des Abkommens oder das Nordirlandprotokoll auslaufen könnten.

Leicht zurückgegangen sei hingegen die Sorge vor einer Zunahme tarifärer Handelshemmnisse – dennoch teilen 45 Prozent der Befragten diese Befürchtung. Da das Vereinigte Königreich nicht mehr Teil zahlreicher EU-Handelsabkommen ist, können für Unternehmen in Großbritannien neue oder höhere Zölle auf Waren aus Drittländern anfallen.

42 Prozent der Befragten gehen von rückläufigen Exporten in das Vereinigte Königreich aus, 17 Prozent von sinkenden Importen aus UK nach Deutschland. Während zwei von fünf Unternehmen mit britischen Handelsbeziehungen die mittelfristige Verlangsamung des britischen Wirtschaftswachstums als Gefahr betrachten, habe das Wechselkursrisiko gegenüber der Vorjahresumfrage etwas an Bedeutung verloren (28 nach zuvor 39 Prozent).

Ein Viertel der Unternehmen bemerke oder erwarte eine Zunahme von nicht-tarifären Handelshemmnissen. Dazu zählten etwa neue Zertifizierungsvorgaben wie die neue britische Produktkennzeichnung UKCA, die das europäische CE-Zeichen ersetzen wird. Dies werde von einigen Unternehmen in den Freitextantworten als Herausforderung genannt.

14 Prozent der Teilnehmer sehen in der Mitarbeiterentsendung ein Risiko, da Geschäftsreisen und Arbeitseinsätze im Vereinigten Königreich nun unter Umständen visumpflichtig sind. Da das Vereinigte Königreich bereits das Abweichen von EU-Standards und Regeln in verschiedenen Bereichen angekündigt hat, sei hier mit einer Zunahme an Hemmnissen zu rechnen. Lediglich elf Prozent der Unternehmen erwarteten keine besonderen Risiken.

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