08.12.2020 //

„Die Welt nach Corona wird eine andere sein“

Konjunktur-Experte Ludovic Subran: „Vor allem geht es darum, aus den Erfahrungen der Krise eine neue Aufbruchsstimmung zu erzeugen.“

Fotoquelle: Gerd Altmann/pixabay.com Fotoquelle: Gerd Altmann/pixabay.com

Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz SE und Leiter der Allianz Group Economic Research, gab dem BME folgendes Intertview*:

Fotoquelle: Allianz

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BME: Das Coronavirus hat Volkswirtschaften rund um den Globus, darunter auch Deutschland, in die Rezession getrieben. Wie bewerten Sie den bisherigen Konjunkturverlauf in den USA und China sowie in den wichtigsten Ländern der Eurozone im Vergleich zu Deutschland?
Subran:
China war das erste Land, das von Covid-19 getroffen wurde – und auch das erste, das die Pandemie überwunden hat. Entsprechend weit fortgeschritten ist die Erholung. Tatsächlich dürfte China die einzige große Volkswirtschaft sein, die 2020 wächst (+2 Prozent). Aber auch Deutschland schlägt sich vergleichsweise gut. Dank relativ geringer Fallzahlen, großzügiger finanzieller Hilfen und einer schnellen Erholung des Welthandels dürfte die deutsche Wirtschaft dieses Jahr „nur“ um sechs Prozent schrumpfen – und damit weit geringer als etwa Frankreich und Italien (jeweils rund -10 Prozent). Die USA auf der anderen Seite entwickeln sich auch recht dynamisch, hohe Fallzahlen und die Ungewissheit über die künftige Politik im Weißen Haus bleiben jedoch ein gravierender Unsicherheitsfaktor.

Wird die Covid-19-Pandemie die Weltwirtschaft noch lange beschäftigen? Wenn ja, warum und wie lange?
Der wirtschaftliche Einbruch dürfte auf globaler Ebene Mitte 2022 wieder aufgeholt sein – was ja auch nichts Anderes als mindestens zwei verlorene Jahre bedeutet. Die langfristigen Folgen werden dagegen noch viel länger nachwirken. Die Fiskalpolitik beispielsweise wird für Jahre unter dem Druck hoher Schulden stehen – mit Folgen auch für die geldpolitischen Spielräume. Die Dynamik der Globalisierung wird sich dauerhaft verändern, Stichwort Neuordnung der Lieferketten, und geopolitische Spannungen werden im Schatten der Pandemie weiter zunehmen. Aber es gibt auch positive Aspekte. Flexible Arbeitsformen bleiben auf dem Vormarsch, was insbesondere jungen Familien eine bessere Work-Life-Balance ermöglichen sollte. Und ein erhöhtes Risikobewusstsein wird nachhaltigem Wirtschaften einen zusätzlichen Schub verleihen. Die Welt nach Corona wird eine andere sein.

Laut IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) hat die deutsche Industrie zuletzt wieder den Vorwärtsgang eingelegt. Ist das ein Zeichen dafür, dass der deutsche Konjunktur-Motor anspringt und es der Industrie bereits gelungen ist, die Corona-Rezession hinter sich zu lassen? Oder ist das nur ein temporäres Muster ohne Wert?
Nach dem beispielslosen Absturz im Frühjahr war eine schnelle, technische Erholung zu erwarten, das vielzitierte V-Szenarium. Aber das V ist nicht vollständig, bis zur Rückkehr zum Vor-Krisen-Niveau ist es noch ein langer Weg – mit vielen Unsicherheiten: die weitere Entwicklung des Infektionsgeschehens, die Ungewissheit über die künftige Wirtschaftspolitik der neuen US-Administration, das Auslaufen der finanziellen Hilfen, die Lage bei unseren Handelspartnern. Insofern ist auch eine W-förmige Entwicklung, ein neuerlicher Rückgang der Wirtschaftsleistung in ein oder zwei Quartalen, nicht auszuschließen. Insgesamt rechnen wir damit, dass Deutschland erst Ende 2022 den Einbruch komplett verarbeitet haben wird.

Nach dem massiven ­Corona-Einbruch im Frühjahr und Sommer 2020 rechnen führende Ökonomen mit einer Belebung der Inlandskonjunktur in den kommenden Monaten. Teilen Sie diese Annahme?
Der Konsum, allen voran die Einzelhandelsumsätze, hat sich tatsächlich sehr erfreulich entwickelt. Dazu hat das Konjunkturpaket mit der Mehrwertsteuersenkung sicherlich beigetragen: Es hat den Nachholbedarf zusätzlich befeuert. Aber für den weiteren Verlauf bleibe ich skeptisch. Die Mehrwertsteuer steigt 2021 wieder. Dazu kommt die hohe Unsicherheit um die Arbeitsplätze, wenn Unternehmensinsolvenzen wieder zugelassen werden und das Kurzarbeitergeld ausläuft. Und über allen schwebt das Damoklesschwert einer starken zweiten Welle im Herbst/Winter. Der Konsumboom wird wahrscheinlich schnell wieder vorbei sein.

BME: Welche Lehren sollten Ihrer Einschätzung nach deutsche Unternehmen aus der Corona-Krise ziehen?
Nachhaltigkeit und Resilienz stärken, Digitalisierung forcieren und Risikobewusstsein erhöhen – gerade auch für sogenannte tail risks, Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit, aber verheerenden Folgen. Vor allem aber geht es darum, aus den Erfahrungen der Krise eine neue Aufbruchsstimmung zu erzeugen. Im Lockdown haben wir gelernt, dass sich Veränderungen viel schneller umsetzen lassen als viele bisher dachten. Dies gilt es nun im operativen Alltag, im Aus- und Umbau der Geschäftsmodelle zu nutzen.

Ist der Weg Deutschlands zurück zu alter Wirtschaftsstärke zu schaffen, wenn die Weltwirtschaft weiter schwach bleibt? Könnte ein kräftiges Binnenwachstum dieses Manko zumindest zeitweise ausgleichen?
Die Globalisierung, wie wir sie bisher kannten, stößt zweifelsohne an ihre Grenzen, und nicht erst seit Corona. Dieser Trend zu zunehmendem Protektionismus ist vielmehr schon seit der Finanzkrise zu beobachten, siehe Trump und Brexit. Deutschland muss sich darauf einstellen. Wobei die Lösung sicherlich nicht ein Rückzug auf den deutschen Markt sein wird. Die Antwort liegt vielmehr in einer konsequenten europäischen Integration. Die Vollendung des europäischen Binnenmarktes – von Gütern über (digitale) Dienstleistungen bis hin zu Finanzen und Infrastruktur – bietet noch viel (Wachstums-)Potenzial. Und auch nur im engen Schulterschluss mit den europäischen Partnern kann es Deutschland gelingen, wirksam für offene Märkte und faire Handelsbeziehungen zu kämpfen.

Die chinesische Konjunktur erholt sich weiter. Kann sie schon bald wieder als Lokomotive der Weltwirtschaft fungieren?
Der Einfluss Chinas auf die Weltwirtschaft wird allein schon aufgrund der wachsenden Größe Chinas zunehmen. Auf der anderen Seite dürfte der Zugang zum chinesischen Markt nicht leichter werden. Mit der „dual circulation“-Strategie setzen die Chinesen ja bewusst auf eine stärkere Unabhängigkeit von ausländischen Unternehmen, vor allem im Technologiebereich. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen, dass die Rede von der „Weltwirtschaft“ schon bald obsolet wird; stattdessen droht die Spaltung in zwei verschiedene Einflusssphären. Deutschland und Europa sollten sich dieser Möglichkeit mit aller Kraft entgegenstellen.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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