27.08.2020 //

„Diversifizierung der Lieferquellen kann Engpässe bei Rohstoffen abmildern“

DERA-Chef Peter Buchholz gegenüber dem BME: „Ich sehe die große Gefahr, dass es bis ins nächste Jahr hinein zu unvorhersehbaren Lieferausfällen kommen kann.“

Glencore fördert in Chile vor allem Kupfer. Im Bild ist die Kupferhütte Altonorte zu sehen. Foto: Glencore Glencore fördert in Chile vor allem Kupfer. Im Bild ist die Kupferhütte Altonorte zu sehen. Foto: Glencore

Dr. Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), gab dem BME das nachfolgende Interview*. Die DERA ist das rohstoffwirtschaftliche Kompetenzzentrum sowie die zentrale Informations- und Beratungsplattform zu mineralischen Rohstoffen für die deutsche Wirtschaft.

Fotoquelle: BME e.V.

Fotoquelle: BME e.V.

BME: Experten erwarten trotz Corona-Krise für 2021 wieder steigende Rohstoffpreise. Ist das realistisch?
Buchholz:
Der Optimismus beruht auf den von IWF und Weltbank veröffentlichten globalen Konjunkturprognosen für 2021. Ein baldiges Abklingen der Pandemie vorausgesetzt könnte die Weltwirtschaft um durchschnittlich vier bis fünf Prozent anziehen. Der Internationale Währungsfonds rechnet beispielsweise für China im nächsten Jahr mit einem Wirtschaftswachstum von mehr als neun Prozent, die Weltbank mit 6,9 Prozent. In Deutschland ist nach Einschätzung der Bundesregierung 2021 ein Anstieg des Bruttoinlandsproduktes von über fünf Prozent zu erwarten. Angesichts dieser Daten gehen Politik und Wirtschaft davon aus, dass die internationale Konjunktur nach dem Tief im nächsten Jahr boomt. Dann werden auch die Rohstoffpreise wieder steigen. Allerdings gilt diese Vorhersage nur unter der Voraussetzung, dass uns eine zweite oder dritte Corona-Welle erspart bleibt.

Wie hat sich die Corona-Krise seit Anfang dieses Jahres auf die Rohstoffpreise ausgewirkt?
Die Pandemie brach zuerst in China aus. Sofort wurden Befürchtungen in der Industrie laut, dass es bei bestimmten Rohstoffen zu Lieferengpässen kommen könnte. Beispielsweise stiegen unmittelbar darauf die Preise für Wolframprodukte. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass der Einbruch der Rohstoffproduktion in den Bergbauländern weniger bedeutend für die Marktentwicklung war als die dramatisch gesunkene Rohstoffnachfrage aufgrund des Einbruchs der Weltwirtschaft. Tatsächlich kam es wie in den meisten Wirtschaftskrisen zu einem massiven Überangebot an Rohstoffen. Das alles führte auf breiter Front zu einem starken Kurs- und Preisverfall.

Jetzt scheint sich die Nachfragesituation aber zu verbessern, da die chinesische Volkswirtschaft bereits seit April wieder Tritt fasst. Deshalb steigen auch die Rohstoffeinfuhren. Wenn der Aufwärtstrend in China anhält, dürfte das Land schon bald wieder seine Rolle als Treiber der Weltwirtschaft spielen. Sollte der prognostizierte Aufschwung auch die westlichen Industrienationen erfassen, wird das globale Wachstum die Rohstoffnachfrage ankurbeln und die Preise befeuern. Die Talsohle des Wirtschaftseinbruchs in Deutschland scheint bereits erreicht. Allerdings muss bei der Preisentwicklung differenziert werden. So haben sich bei einigen Rohstoffen wie Aluminium mittlerweile enorme Lagerbestände angehäuft; während diese sich bei anderen Rohstoffen wie Kupfer schon wieder leeren. Deswegen ist es wichtig, sowohl die Lagerbestände als auch die Aktivitäten der Bergbauindustrie genau zu beobachten.

Mit Blick auf die Lagerhaltung von Rohstoffen in China ist ein interessanter Trend erkennbar: Einige Provinzen des Landes, darunter Gansu und Yunnan, haben ein neues staatliches Förderprogramm initiiert. Mit der Vergabe zinsgünstiger staatlicher Kredite wollen sie die Lagerhaltung der regionalen Unternehmen für ein Jahr unterstützen, um damit den Nachfrageeinbruch abzufedern. Die Provinzregierungen übernehmen sogar zum Teil die Kosten für zusätzliche Lagerhaltung. Den Betrieben soll es damit ermöglicht werden, Rohstoffvorräte, die sie während der Pandemie nicht absetzen können, zu lagern oder Vorräte für Rohstoffe aufzubauen, auf die sie im Falle weiterer Krisen zurückgreifen können. Dieses Modell könnte durchaus auch für die deutsche und europäische Industrie interessant sein.

Im Zuge der Corona-Krise sind neben den Rohstoffpreisen auch Bergbauaktien auf breiter Front eingebrochen. So verlor beispielsweise der größte Kobaltproduzent der Welt Glencore anfangs 51 Prozent seines Aktienwertes. Kobalt, das vor allem im Bereich der wieder aufladbaren Batterien eingesetzt wird, erreichte mit einer Notierung von 27.000 US-Dollar pro Tonne Mitte März fast den Preistiefpunkt vergangener Jahrzehnte. Mittlerweile befinden sich aber die meisten Bergbauaktien wieder auf ihrem alten Kursniveau vor Ausbruch der Pandemie. Investoren gehen also von einer deutlichen Erholung der Weltwirtschaft spätestens im nächsten Jahr aus.

Wie hat sich die Corona-Krise auf einzelne Industriemetallpreise ausgewirkt?
Die Pandemie hat die globale Nachfrage nach Kupfer und damit dessen Preis deutlich sinken lassen. Ähnlich verhält es sich bei Aluminium. Hier litt die Nachfrage vor allem durch den Shutdown in der Automobil- und Flugzeugindustrie. Blei und Zink werden in normalen Zeiten ebenfalls von der Kfz-Branche stark nachgefragt. Infolge der Corona-Krise rauschten die Notierungen für diese Metalle ebenfalls in den Keller. Allerdings haben sich bis Juli die Preise für Kupfer und Aluminium deutlich erholt, vor allem bei Kupfer China hatte während des letzten Halbjahres keine rückläufige Nachfrage nach Kupfer. Hier wurde antizyklisch eingekauft.

Mit Mangan und Molybdän gab es wie bei Wolfram aber auch Ausreißer nach oben. Entgegen vielen anderen Industriemetallpreisen, die seit Mitte Februar stark gefallen sind, verteuerten sie sich vor allem auf dem europäischen Markt. Befeuert wurden die Preise durch Bedenken der Industrie, dass China aufgrund der Covid-19-Pandemie diese Technologiemetalle und Legierungen nicht mehr in ausreichenden Mengen würde liefern können. Die Situation hat sich aber schnell entspannt und die Preise sind seit Mai wieder deutlich gefallen.

Wie ist die Lage im Eisen- und Stahlsektor?
Hier erleben wir eine interessante Entwicklung: Während die Stahlproduktion außerhalb Chinas gravierende Einbrüche verzeichnet, erzeugen die Hüttenwerke in der Volksrepublik wieder deutlich mehr davon als noch vor einem Jahr. Im Mai und damit auf dem Höhepunkt der Covid-19-Pandemie in Europa erreichte China sogar eine Rekordproduktion von über 90 Millionen Tonnen Stahl und besitzt damit weltweit einen Produktionsanteil von mehr als 60 Prozent. Aber auch im ersten Quartal – inmitten der größten Eindämmungsmaßnahmen im Zuge der Corona-Krise in China – produzierte die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde mehr Rohstahl als noch zwölf Monate zuvor.

Die gestiegene Stahlproduktion lässt den Bedarf an Eisenerz spürbar anziehen. Die Lagerbestände von Eisenerz an den chinesischen Häfen befinden sich mittlerweile auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 2016. Um die Lager wieder aufzufüllen und um die wachsende Nachfrage nach Eisenerz zu bedienen, sind die chinesischen Eisenerzimporte im April dieses Jahres um elf Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen.

Welchen Einfluss hat der Sinkflug der globalen Industrieproduktion auf die internationalen Rohstoffmärkte?
Hier lohnt sich ein Blick auf den globalen Einkaufsmanager-Index für das Verarbeitende Gewerbe des US-amerikanischen Finanzdienstleisters JP Morgan. Danach lag der industrielle PMI im Juni mit 42,4 weiter klar unter der 50-Punkte-Wachstumsschwelle. Obwohl die Rohstoffpreise in Erwartung einer sich erholenden Nachfrage gestiegen sind, zeigen die Konjunktur-Frühindikatoren, dass wir noch weit von einer Verbesserung der wirtschaftlichen Lage entfernt sind. Hier wird ein Widerspruch sichtbar. Denn eigentlich nehmen die Rohstoffpreise ähnlich wie Aktien die Erwartungshaltung der Marktteilnehmer vorweg. Einzig China kann zurzeit mit besseren Konjunkturdaten aufwarten. In der größten Volkswirtschaft Asiens stieg der Einkaufsmanager-Index für die Industriebetriebe im Juni um 0,3 Punkte auf 50,9 Zähler. Mit China als größten Rohstoffimporteur verbindet die Weltwirtschaft die Hoffnung, dass sich die globale Nachfrage wieder stabilisieren wird. Das erklärt den Optimismus in den Märkten und die jetzt wieder zum Teil stark anziehenden Rohstoffnotierungen wie bei Kupfer, Zink und Zinn.

Sind Frühindikatoren ein Tipp-Geber für die zu erwartende Rohstoffpreis-Entwicklung?
Sie geben in jedem Fall einen ersten Anhaltspunkt. Dazu zählt beispielsweise der University of Michigan Consumer Sentiment Index (MCSI). Er misst die Konsumneigung der Privathaushalte in den USA und nimmt die prognostizierte Rohstoffnachfrage etwas vorweg. Es lohnt sich daher auch für Industrieunternehmen, Frühindikatoren wie den MCSI oder den deutschen IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index (EMI) regelmäßig anzuschauen. Diese Indikatoren geben Hinweise, ob die Rohstoffnachfrage und damit einige Rohstoffpreise steigen oder fallen. Rohstoffpreisentwicklungen sind aber wesentlich komplexer und bedürfen einem ständigen Monitoring von Fundamentaldaten.

Wie wirkt sich die Corona-Krise auf die Bergbauländer aus?
Wie in allen anderen Teilen der Welt wurden auch dort Schutzmaßnahmen ergriffen. Die Kehrseite: Der damit verbundene Shutdown führte insbesondere in Südafrika und Südamerika zu zahlreichen Bergbauschließungen. Im Zuge der Covid-19-Pandemie musste die Förderung in hunderten von Bergwerken zeitweise gestoppt oder zurückgefahren werden. In Peru wurden die Quarantäne-Maßnahmen so stringent ergriffen, dass die die Kupfer-, Blei-, Zink- und Molybdän-Produktion zwischenzeitlich zum Erliegen kam. Im Nachbarstaat Chile, dem größten Kupferproduzenten der Welt, gab es zunächst keinen nationalen Lockdown, so dass die Produktion trotz Covid-19-Pandemie- weiterlief. Allerdings werden von dort jetzt insbesondere im Bergbausektor lokale Corona-Hotspots gemeldet, so dass es zu einzelnen Lieferverzögerungen und -ausfällen kommen kann.

Entwarnung kann in diesen Ländern also nicht gegeben werden?
Nein, denn die Pandemie ist auch dort längst nicht vorbei. Ich sehe die große Gefahr, dass es bis ins nächste Jahr hinein zu unvorhersehbaren Lieferausfällen kommen kann. Denn überall auf der Welt sind in den nächsten Monaten neue lokale Corona-Hotspots möglich, die dann in einzelnen Bergbauregionen und dort ansässigen Raffinerien für Lieferausfälle sorgen können – und das in einer Zeit, in der die Weltwirtschaft wieder hochfährt.

Wie kann sich die deutsche Industrie vor Lieferausfällen schützen?
Hiesige Unternehmen können mögliche Lieferengpässe bei Rohstoffen und Produktionsmaterialien durch die Diversifizierung ihrer Lieferquellen zumindest abmildern. Das muss aber strategisch gewollt und geplant werden. Nur dann sind die Betriebe gegen künftige Krisen gewappnet. Fakt ist doch: Wenn der für das eigene Unternehmen wichtigste Lieferant in der Zulieferkette ausfällt, muss der Einkauf Alternativen parat haben. In komplexen Zulieferketten geht das meist nur in Zusammenarbeit mit ausgewählten Vorlieferanten und mit dem gemeinsamen Willen zur breiteren Diversifizierung. Eine weitere Möglichkeit ist der Ausbau der Lagerhaltung, um für eventuelle Lieferausfälle von mehreren Monaten gerüstet zu sein.

Sind die deutschen Unternehmen bereit, Fehlentwicklungen zu korrigieren?
Ja, das belegen die Ergebnisse einer aktuelle BDI-Umfrage unter 71 Branchenunternehmen zu den Auswirkungen der Covid-19--Pandemie auf ihre Rohstoffversorgung. Auf die Frage, wie diese Firmen mit den Störungen der Rohstoffversorgung umgehen, nannten 56 Prozent den Aufbau beziehungsweise die Erhöhung der Lagerhaltung als eine der wichtigsten Lehren der Corona-Krise. 52 Prozent der befragten Betriebe gaben die Suche nach alternativen Rohstoffpartnern und weitere 39 Prozent die Suche nach alternativen Rohstoffen als Maßnahmen zur Vermeidung künftiger Lieferausfälle an.

Worauf kommt es in Krisenzeiten noch an?
Die COVID-19-Pandemie hat gezeigt, dass ein verbessertes Rohstoffrisikomanagement in Unternehmen zu mehr Transparenz in der eigenen Lieferkette führt. Intensive Marktbeobachtung ist hier das Stichwort. Hierbei kann die Deutsche Rohstoffagentur mit detaillierten und frühzeitigen Informationen weiterhelfen. Zur Verbesserung des Rohstoffrisikomanagements und der Informationsbeschaffung eignen sich aber auch kommerzielle Anwendungen wie Webcrawler oder Supply Chain Tracker. Damit erhält das Unternehmen einen schnellen Vor-Ort-Überblick über die aktuelle Situation seiner Geschäftspartner. Schwieriger wird es jedoch, wenn es sich um große Zulieferketten handelt. OEM mit 1.000 Zulieferern und mehr haben es nicht leicht, Probleme in ihrer Supply Chain schnell zu erkennen. Trotzdem müssen sie just in time wissen, ob es mögliche Insolvenzen unter ihren Zulieferern, Fälle von Force Majeure oder beispielsweise Einschränkungen im internationalen Transport gibt. Mein Tipp: Elektronische Lösungen mittels Big-Data-Analytik, kombiniert mit Künstlicher Intelligenz können wirksam helfen. Derzeit testen wir derartige Big-Data-Lösungen, die uns in Echtzeit die aktuelle Lage in den Bergwerken rund um den Globus aufzeigen. Konkret tracken wir für zwölf Rohstoffe die weltweit jeweils 20-30 wichtigsten Bergbaustandorte. Wir wollen mittels Big-Data-Analytik künftig schneller wissen, was dort im Falle einer Störung gerade schiefläuft. Unternehmen, die sich rohstoffseitig für Big-Data-Systemanwendungen interessieren, können mit uns darüber in einen Erfahrungsaustausch treten.

Welche Beratungsleistungen bietet die DERA der deutschen Wirtschaft noch an?
Auf der Grundlage unseres umfassenden Rohstoff-Datenpools, bestehend aus eigenen und kommerziellen Daten, bieten wir interessierten deutschen Unternehmen jede Menge Hintergrundinformationen, fast zu jedem mineralischen Rohstoff. Ein Anruf bei der DERA genügt. Gleichzeitig geben wir Unternehmen einen Marktüberblick über die aktuelle Situation auf den Rohstoffmärkten, sowohl bei wichtigen Industriemetallen als auch bei Sondermetallen wie Seltenen Erden und Industriemineralen.

Hat die Corona-Krise einen positiven Einfluss auf Substitution und Recycling von Rohstoffen?
Das glaube ich nicht. Denn es handelt sich sowohl beim innerbetrieblichen Recycling als auch bei der Suche nach Substitutionsmöglichkeiten um Dauerthemen. Jedes Unternehmen versucht bereits, die Potenziale maximal auszuschöpfen. Wenn es Produktionsabfälle gibt, wird darüber nachgedacht, wie sich die metallischen Schrotte sinnvoll zurückführen lassen. Substitution ist zudem ein Thema aus dem Bereich Forschung und Entwicklung, das durch Covid-19 nur mäßig befeuert wird. Diesbezügliche Erfolge brauchen Forschergeist und Zeit.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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