19.08.2021 //

Engpässe treffen Wirtschaft in ganzer Breite

DIHK-Blitzumfrage unter knapp 3.000 deutschen Unternehmen im In- und Ausland zeigt Rohstoffmangel in fast allen Bereichen

Von A wie Aluminium bis Z wie Zellstoffvlies: Die Beschaffung von Rohstoffen, Vorprodukten und Waren ist derzeit schwierig. Foto: pixabay.com Von A wie Aluminium bis Z wie Zellstoffvlies: Die Beschaffung von Rohstoffen, Vorprodukten und Waren ist derzeit schwierig. Foto: pixabay.com

Lieferschwierigkeiten sowie deutliche Preissteigerungen bei Vorprodukten und Rohstoffen machen derzeit nicht nur der international orientieren deutschen Industrie zu schaffen – sie treffen Betriebe sämtlicher Branchen und Größenklassen. Das zeigt eine aktuelle DIHK-Auswertung unter knapp 3.000 deutschen Unternehmen im In- und Ausland.

Über alle Wirtschaftszweige hinweg melden demnach 83 Prozent der Unternehmen Preisanstiege oder Lieferprobleme bei Rohstoffen, Vorprodukten und Waren. „Rohstoffmangel und Lieferkettenprobleme treffen die deutsche Wirtschaft in ihrer ganzen Breite“, kommentierte DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier die Ergebnisse in einem Online-Pressegespräch. Danach könne die aktuelle Entwicklung den wirtschaftlichen Erholungsprozess nach der Krise merklich erschweren.

Nur knapp ein Fünftel der Unternehmen rechne bis zum Jahreswechsel mit einer Verbesserung der Situation. 53 Prozent der Unternehmen erwarten dagegen erst im kommenden Jahr eine Aufhellung der Lage. Ein Viertel könne nicht einschätzen, wann sich Lieferzeiten oder Preise normalisieren werden. „Wir sehen hier aktuell sehr große Unsicherheiten“, so Treier.

Am stärksten leiden Industrie und Einzelhandel unter Knappheiten

In vielen Industriezweigen seien nahezu alle Betriebe derzeit von Rohstoff-Knappheiten oder deutlichen Preisanstiegen betroffen. Über 90 Prozent der Unternehmen etwa aus der Gummi- und Kunststoffindustrie sowie aus der Metall- und Chemiebranche berichten davon. In der Fahrzeugindustrie seien es 92 Prozent, in der Elektrotechnik 85 Prozent. Im Baugewerbe sehen sich 94 Prozent der Betriebe mit diesen Herausforderungen konfrontiert.

Aber auch im Einzelhandel mit 83 Prozent, bei Transport- und Logistikbetrieben mit 67 Prozent sowie mit 48 Prozent bei sonstigen Dienstleistern machen sich Knappheiten und Verteuerungen deutlich bemerkbar. Nur vereinzelt berichten Unternehmen dem DIHK, dass sie zwar Lieferschwierigkeiten in den vergangenen Monaten hatten, diese aber nicht mehr aktuell seien.

Zu spüren bekommen Unternehmen die Lieferengpässe und Preisanstiege derzeit insbesondere bei direkten Vorprodukten, Stahl, Aluminium, Kupfer und Holz. Verpackungen seien durch alle Branchen hinweg ebenfalls Mangelware, genauso wie Elektronikkomponenten. In der Fahrzeugindustrie fehlen, ganz massiv, Halbleiter. Der Einzelhandel berichtet dem DIHK unter anderem von Engpässen bei Textilien.

Mehr Nachfrage, weniger Produktion...

Als Gründe für die Rohstoffengpässe nennen die Unternehmen vor allem eine gestiegene Nachfrage sowie – angesichts der unterschiedlichen Entwicklung des Pandemiegeschehens in der Welt – zu geringe Produktionskapazitäten (70 Prozent) und Transportprobleme (53 Prozent). Bei Letzteren machen sich unter anderem der aktuelle Containermangel (76 Prozent) sowie fehlende Frachtkapazitäten bei Schiffen (74 Prozent), Straßen und Schienen (27 Prozent) sowie Flugzeugen (24 Prozent) bemerkbar.

So treffe die jüngste Teilschließung des chinesischen Hafens in Ningbo die deutsche Wirtschaft in einer Zeit, in der sie ohnehin schon erhebliche Lieferschwierigkeiten bewältigen müsse. Jedes zweite Unternehmen nennt zudem Produktionsausfälle bei Zulieferern als Grund für den Rohstoffmangel. Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind, berichten vereinzelt davon, dass die Hochwasserkatastrophe zu den Lieferengpässen beiträgt.

... und in Folge höhere Preise

Als Folge der Lieferengpässe haben derzeit 88 Prozent der Unternehmen mit höheren Einkaufspreisen für ihre Produkte und Dienstleistungen zu kämpfen. „Wenn eine anziehende Nachfrage in vielen Weltregionen auf nicht ausreichende Produktions- und Transportkapazitäten etwa aufgrund von Corona-Beschränkungen trifft, steigen die Preise. Das belastet zunehmend die weltweite Konjunktur und die internationalen Geschäfte unserer Unternehmen“, erklärt Treier.

In vielen Betrieben komme es außerdem zu längeren Wartezeiten (73 Prozent) auf bestellte Rohstoffe und Waren sowie zu einem höheren Planungsaufwand (60 Prozent). Besonders kritisch werde es, wenn Aufträge nicht abgearbeitet werden können (42 Prozent) und die Lieferschwierigkeiten zu Umsatzausfällen führen (43 Prozent). Ein Viertel der Unternehmen müsse zudem die Produktion drosseln oder gar stoppen.

Zwei Drittel der Unternehmen sehen sich gezwungen, gestiegene Preise an Kunden weiterzugeben (67 Prozent). Zudem reagieren sie auf die Herausforderungen, indem sie neue oder zusätzliche Lieferanten suchen (64 Prozent) oder – wo es möglich ist – die Lagerhaltung erhöhen (57 Prozent). „Die Rohstoffengpässe könnten deshalb dazu führen, dass die gegenwärtig anziehende Inflation kein vorübergehendes Phänomen bleibt, sondern die Weltwirtschaft auch mittel- bis langfristig beeinflussen wird“, prognostiziert der DIHK-Außenwirtschaftschef.

„Lieferantensuche und Lagerhaltung sind das Gebot der Stunde“, sagte Treier auf Nachfrage des BME. Neben den operativen Maßnahmen der Unternehmen als Reaktion auf Rohstoffmangel und Lieferengpässe finden im Moment intensive strategischen Überlegungen statt. Es gehe um die Klärung zentraler Fragen. So denke laut DIHK-Umfrage jedes zwölfte Unternehmen darüber nach, seine Produktionskapazitäten zu verlagern. Aus diesem Grund werde die Suche nach neuen oder zusätzlichen Lieferanten von einer strukturellen Mehrheit der befragten Firmen als eine der wichtigsten betrieblichen Maßnahmen genannt.

„Seit März 2020 beobachten wir in unseren Umfragen zum Thema Diversifizierung der Lieferkette und der Lieferantenstruktur, dass stetig mehr Lieferanten gesucht werden. Es gibt einen sanften, aber spürbaren Prozess des Reshoring. In diesem Zusammenhang wächst die Zahl der Lieferanten, die sich als potenzieller Geschäftspartner für deutsche Unternehmen in Position bringen“, so Treier gegenüber dem BME.

Er verwies abschließend auf die sich massiv verändernden Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft. Als Stichworte nannte Treier Green Deal, Green Finance, Sustainable Finance und die damit verbundenen Berichtspflichten der Unternehmen. All das käme „jetzt für sie zur aktuellen Situation noch oben drauf“.

BME-Service: Weitere Informationen zum Thema "Rohstoffknappheit" enthält die aktuelle Kurz-Umfrage des Einkäuferverbandes. Klicken Sie hier...

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