11.05.2020 //

„Erleben einen weltweiten synchronen Shutdown“

IKB-Konjunkturexperte Bauknecht: „Gingen Experten für 2020 zu Jahresanfang noch von einem dreiprozentigen globalen BIP-Wachstum aus, dürften die Schätzungen jetzt bei unter einem Prozent liegen.“

Die Weltwirtschaft befindet sich im Corona-Schock. Wann die Covid-19-Pandemie überwunden ist und die global economy wieder Tritt fasst, ist derzeit ungewiss. Foto: pixabay.com Die Weltwirtschaft befindet sich im Corona-Schock. Wann die Covid-19-Pandemie überwunden ist und die global economy wieder Tritt fasst, ist derzeit ungewiss. Foto: pixabay.com

Dr. Klaus Bauknecht, Chefvolkswirt der IKB Deutsche Industriebank AG, Düsseldorf, gab dem BME folgendes Interview*:

Foto: IKB

BME: Das Coronavirus hält die globalen Märkte in Schach und treibt die Volkswirtschaften in die Rezession. Wie bewerten Sie die aktuelle Lage?
Bauknecht: 
Mir stellt sich zunächst die Frage, wie lange Covid-19 Wirtschaft und Gesellschaft lahmlegen kann. Von einem Konjunkturverlauf kann im Moment nicht gesprochen werden. Es handelt sich eher um einen Schockzustand, der die Wirtschaft im zweiten Quartal deutlich belasten sollte. BIP-Prognosen für dieses Jahr gehen von minus vier bis minus sechs Prozent für Deutschland aus. In anderen Ländern wie beispielsweise den USA, die ebenfalls negative Wachstumszahlen erwarten, ist es nicht viel besser. Die Vereinigten Staaten erleben zurzeit einen Shutdown ebenso wie die Staaten Südeuropas, der sich allein schon wegen der dort eingebrochenen Tourismuszahlen noch länger hinziehen dürfte. Gleiches gilt für Schwellenländer wie Südafrika oder Indien. Lediglich in China scheint sich die aktuelle Lage etwas zu entspannen. Alles in allem befindet sich aber die gesamte Weltwirtschaft in einem synchronen Schockzustand und in einer schweren Rezession. Gingen Experten für 2020 zu Jahresanfang noch von einem dreiprozentigen globalen BIP-Wachstum aus, dürften die Schätzungen jetzt bei unter einem Prozent liegen.

Wie hat sich diese Abwärtsspirale entwickelt?
Als die Corona-Krise zu Jahresbeginn China erfasste, überlegten alle, welche Auswirkungen der Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Volksrepublik auf den Rest der Welt haben würde. Jetzt reden wir von einer Situation, die Milliarden von Menschen betrifft. Daran ist nichts mehr zu ändern. Wir können lediglich darüber spekulieren, wie tief der Schockzustand sein wird und wie lange er andauert. Allerdings zieht jeder Schock auch einen gewissen Aufholprozess nach sich.

Woran machen Sie diesen „Bounce Back“ fest?
Wenn nach dem Stillstand der Wirtschaft die ersten Fabriken ihre Produktion wiederaufnehmen, entsteht ein enormer Nachholbedarf, da die Nachfrage ja nicht zum Erliegen gekommen ist. Hier muss allerdings unterschieden werden, ob es sich bei diesem Bounce Back um Güter oder Dienstleistungen handelt. In der Güterindustrie werden zurzeit die Lagerbestände heruntergefahren. Wenn die Corona-Krise überwunden ist, wird die Produktion aufgrund des Nachholbedarfs schnell wieder anlaufen. Im Dienstleistungssektor sieht das anders aus – ein Beispiel ist die Tourismusbranche. Die durch Covid-19 verlorene Urlaubszeit lässt sich nicht aufholen. Deshalb werden vor allem die Länder Südeuropas bei weitem nicht so bedeutende Aufholeffekte erleben wie beispielsweise China, Südkorea, Japan, Deutschland und andere bedeutende Industrieländer. Dennoch: Der Bounce Back kommt. Die Frage ist nur, wie stark er sein wird.

Noch einmal zurück zu den aktuellen BIP-Prognosen, die stark divergieren. Woran orientieren Sie sich bei Ihrer Vorhersage?
Die Spanne der Vorhersagen für die erwartete deutsche Konjunkturentwicklung in diesem Jahr geht weit auseinander. Sie reicht von minus 20 Prozent bis zu lediglich minus drei Prozent. Ein Schrumpfen der deutschen Volkswirtschaft von bis zu minus 20 Prozent halte ich für eher unwahrscheinlich. Doch keiner weiß, wie stark die Wirtschaft im zweiten Quartal leiden wird. Um auf eine Prozentzahl von unter minus zehn zu kommen, müsste davon ausgegangen werden, dass der Schock im zweiten Quartal aufgrund des anhaltenden Shutdown nicht aufgeholt werden kann und sich über das dritte und vierte Quartal hinzieht. Für das Gesamtjahr beziehe ich mich bei meinem Forecast auf den erwarteten Aufholeffekt. So haben in China die ersten Fabriken wieder ihre Produktion aufgenommen. Deshalb ist die Erwartung, dass mit einer Stabilisierung der Infektionszahlen auch die Wirtschaft wieder hochfährt, relativ robust. Auf dieser Grundlage rechne ich für das dritte und vierte Quartal mit einer partiellen Normalisierung der Wirtschaft und damit einhergehend relativ hohen Wachstumsraten. Für 2021 prognostizieren wir aktuell einen BIP-Anstieg von 3,0 Prozent. Auch dieser Wert beruht auf der Annahme eines Aufholeffekts, wie wir ihn übrigens auch in der Finanzkrise gesehen haben.

Wie bewerten Sie die Maßnahmenpakete der Politik zur Eindämmung der Corona-Krise?
Diese Initiativen sind auf jeden Fall sinnvoll. Die Geldpolitik kann in einer solchen Phase nicht viel tun. Das liegt nicht an den niedrigen Zinsen, sondern an der Ursache der Krise. Denn die Ursache ist nicht mangelnde Liquidität, wie in der Finanzkrise. Vielmehr ist die die Wirtschaft lahmgelegt. Deshalb wird eine effektive Stützung benötigt, die nur über die Fiskalpolitik erfolgen kann. Die jetzt verabschiedeten Maßnahmenpakete der einzelnen Regierungen müssen jedoch differenziert beurteilt werden. Es geht um die Frage: Was ist wirklich eine effektive Stütze und was ist nur eine staatliche Kreditzusage? Klar ist: Die Staaten werden aus der Krise mit deutlich höheren Schuldenquoten herauskommen.

Könnte die Corona-Krise den Globalisierungsprozess nachhaltig verändern?
Darüber wird zurzeit kontrovers diskutiert. Viele sagen, dass nach der Corona-Krise alles anders sein wird. Das kann ich nicht ganz nachvollziehen. Ein Beispiel: Wenn ich einen Produktionsstandort in Deutschland, Europa, den USA oder China gehabt hätte, würde mir jetzt die Fabrik in der Volksrepublik helfen. Denn dort beginnen die Werke wieder zu arbeiten. Hinzu kommt, dass die größte Volkswirtschaft Asiens gerade für hiesige Unternehmen ein riesiger Markt ist, der sich nicht allein von Deutschland aus bedienen lässt. Deshalb kann ich die pauschale Forderung einzelner nach einer Umkehr der Globalisierung nicht verstehen. Ich bin aber davon überzeugt, dass wir eine andere Art der Globalisierung erleben werden. Die Unternehmen müssen künftig nicht nur für eine globale Produktionskette sorgen, sondern sie sollten in weitaus größerem Maß als vor Ausbruch der Corona-Krise für den lokalen Markt produzieren. Die Globalisierung von Investitionen und Kapazitäten wird also anhalten.  

Zwingt uns die Pandemie zu einem radikalen Wechsel unserer Wirtschafts- und Finanzaktivitäten oder gibt es nach erfolgreichem Ende der Corona-Krise wieder nur ein „business as usual“?
Wir alle sind in den vergangenen Jahren – und hier hat auch die Finanzkrise nicht viel geholfen – immer vom Optimalfall ausgegangen und haben mit Blick auf mögliche Krisen zu wenig Sicherheitspuffer eingebaut. Die Unternehmen sollten stärker als in der Vergangenheit erkennen, dass Krisen oder unerwartete Ereignisse Teil des Lebens sind. Sie werden auch nicht herumkommen, ihre Kostenstrukturen und Lagerbestände den neuen Bedingungen anzupassen. Insoweit ist schon ein gewisser Anpassungs- und Reformbedarf da.

Unvorhergesehene Ereignisse gab es schon öfter. Lernen wir nichts daraus?
Unvorhergesehenen Ereignisse – in der Volkswirtschaft sprechen wir von einem Schwarzen Schwan (Black Swan) – kommen häufiger vor als gemeinhin wahrgenommen. In den letzten 23 Jahren erlebte die Weltwirtschaft mindestens 6 Krisen:  die Asienkrise 1997, die Russlandkrise 1998, den 11. September 2001, die Finanzkrise 2008/09, die Eurokrise 2012/13 und jetzt die Corona-Krise. Dafür gab es stets unterschiedliche Ursachen. Wir können aber daraus ableiten, dass die Black Swans im historischen Maßstab relativ regelmäßig auftauchen. Auch aktuell ist ein Umdenken nötig. Vielleicht ist es die neue Normalität, dass Krisen alle paar Jahre auftauchen. Diese Erkenntnis muss sich in der Wirtschaft viel stärker durchsetzen und von den Unternehmen in ihren Produktionsprozessen, im Risikomanagement und in der Logistik berücksichtigt werden.

*Das Konjunktur-Interview führte Frank Rösch, BME

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