27.05.2021 //

„Europa braucht langfristige Strategie“

Konjunktur-Experte Dr. Jörg Zeuner: „Es geht letztlich für die EU um die entscheidende Frage, auf welche Zukunftstechnologien sie setzt und wie groß deren Erfolgsaussichten für die Stärkung des Wirtschafts- und Industriestandortes Europa sein werden.“

Foto: Gerd Altmann/pixabay.com Foto: Gerd Altmann/pixabay.com

Dr. Jörg Zeuner (s. Bild), Chefvolkswirt bei Union Investment und Leiter des Bereichs Research & Investment Strategy, gab dem BME folgendes Interview*:

Fotoquelle: Union Investment

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BME: Wie bewerten Sie die aktuelle Lage der Weltwirtschaft?
Zeuner:
Sie bietet ein gemischtes Bild. Leider traf der zweite Corona-bedingte Lockdown die Volkswirtschaften rund um den Globus erneut hart, dies gilt allen voran für Europa. Dennoch ist die gegenwärtige Situation besser als von uns allen Ende vergangenen Jahres erwartet wurde. Die aktuelle Konjunkturlage ist dabei sehr heterogen. Während beispielsweise Teile Europas in den ersten Monaten dieses Jahres aus dem Lockdown herauskamen und ihre Geschäfte wieder öffneten, gingen andere Länder des Kontinents den umgekehrten Weg. In den großen Wachstumsregionen Asien und Nordamerika sieht das dagegen ganz anders aus.

Und wie sieht es dort aus?
Die asiatischen Volkswirtschaften profitieren von den deutlich niedrigeren Infektionszahlen. So hat beispielsweise China bereits Mitte des vergangenen Jahres in die Erfolgsspur zurückgefunden. Nach dem Corona-bedingten Einbruch im Frühjahr 2020 erhöhte sich das nationale Bruttoinlandsprodukt um zwei Prozent. 2021 dürften es mehr als acht Prozent sein. Zum Vergleich: Die Staaten der Eurozone erlebten im vergangenen Jahr einen wirtschaftlichen Einbruch von 6,8 Prozent – das ist der niedrigste Wert seit Gründung des Währungsraums. In diesem Jahr rechnen wir mit einem Plus von nahezu fünf Prozent. Die BIP-Prognose für die USA fällt besser aus. Dort erwarten wir einen Anstieg in einer Größenordnung von 5,5 Prozent.

Was bringen die nächsten Monate?
Die heterogene Entwicklung der Volkswirtschaften Europas, Asiens und Nordamerikas ist Ausdruck der unterschiedlichen Erfolge bei der Pandemie-Bekämpfung. Wenn sich die allgemeine Impf-Lage verbessert, halten wir ein deutliches Anziehen des Wirtschaftswachstums, insbesondere in den USA und in der EU, im zweiten Halbjahr 2021 für möglich. Dann dürfte nicht nur die Industrie weiter an Fahrt gewinnen, sondern sich auch der zuletzt schwache Dienstleistungssektor wieder erholen. Beträchtliche Nachholeffekte erwarten wir auch beim Konsum. Insgesamt betrachtet dürfte die Weltwirtschaft vor einem wachstumsstarken Jahr stehen. Im Wettbewerb der großen Volkswirtschaften wird wohl China 2021 vor den USA und der Euro-Zone die Nase vorn haben. 2022 könnten die Vereinigten Staaten die Volksrepublik dann aber wieder als globale Wachstumslokomotive ablösen.

Chinas Wirtschaftskraft wird demnach schwächer?
In diesem Jahr wird die größte Volkswirtschaft Asiens insbesondere für den deutschen Außenhandel der Anker schlechthin sein. Allerdings mehren sich die Hinweise, dass die politische Führung in Beijing insbesondere bei der Kreditvergabe vorsichtiger agiert. Dadurch könnte sich das Wirtschaftswachstum 2022 verlangsamen. Gleichzeitig ist in den USA unter der Bezeichnung „American Rescue Plan Act of 2021“ das jüngste Konjunkturprogramm der Biden-Regierung angelaufen. Mit einer Finanzausstattung von 1,9 Billionen US-Dollar ist es doppelt so umfangreich wie das 915 Milliarden US-Dollar schwere Konjunkturprogramm vom Dezember 2020. Die Maßnahmen der US-Administration werden der amerikanisch Wirtschaft einen kräftigen Schub verleihen.

Kann die EU im Ringen der Wirtschaftsmächte USA und China mithalten?
Ich glaube, dass Europa noch nach passenden Antworten auf diese Herausforderungen suchen muss. Beim gegenwärtigen Wettbewerb zwischen den USA und China geht es um die Führerschaft im Hochtechnologiebereich. Hier spielt Europa aber nur eine untergeordnete Rolle. Das muss man realistisch einschätzen, um den nächsten Schritt machen zu können. Für die EU wird sich aber ein anderes Wachstumsfeld ergeben: der Klimawandel. Auf diesem Gebiet, insbesondere bei Erneuerbaren Technologien, befindet sich Europa in einer viel besseren Ausgangssituation.

Was kann die EU tun, um mit den USA und China mitzuhalten?
Wir benötigen eine langfristige Wirtschaftsstrategie für den Standort Europa. Diese fehlt zurzeit ebenso wie ein makroökonomisches Management auf europäischer Ebene. Ein EU-Wiederaufbaufonds zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise allein macht aber noch kein Makromanagement. „Es geht letztlich für die EU um die entscheidende Frage, auf welche Zukunftstechnologien sie setzt und wie groß deren Erfolgsaussichten für die Stärkung des Wirtschafts- und Industriestandortes Europa sein werden.“

Warum halten Sie es für mehr als fraglich, ob sich die globalen Warenströme schnell von der Corona-Krise erholen können?
Diese These lässt sich aufgrund der jüngsten globalen Entwicklungen nicht mehr ganz aufrechterhalten. So hat sich beispielsweise der internationale Handel mit China schneller und stärker belebt als wir das zuvor erwartet hatten. Die politische Führung in Beijing hat die Covid-19-Pandemie sehr schnell kontrolliert und, wie bei früheren Krisen auch schon, mit zahlreichen Investitionsprogrammen erfolgreich gegengesteuert. Das lässt sich an der Entwicklung der Rohstoffpreise seit Ausbruch der Pandemie gut beobachten. So hat der wiedereinsetzende Rohstoffhunger im Reich der Mitte die Preise für Industriemetalle in den vergangenen Monaten kräftig ansteigen lassen.

Welche Rolle spielt das internationale Finanzsystem in der Corona-Krise?
Das internationale Finanzsystem ist in der Corona-Krise bisher viel intakter geblieben als bei früheren vergleichbaren Konjunktureinbrüchen. Deshalb konnten die Banken die Finanzierung aller Handelsaktivitäten aufrechterhalten. China leistet ebenfalls einen wichtigen Beitrag zur Stabilisierung der Geld- und Warenströme. So hat das Land trotz Covid-19-Pandemie seine Exporte komplett aufrechterhalten und dem Welthandel damit wichtige Impulse verliehen. Dieser wiederum profitierte auch davon, dass der Konsum von Dienstleistungen durch den Konsum von Gütern weitestgehend ersetzt wurde.

Sind die Grenzen der Globalisierung erreicht?
Wir haben den Höhepunkt der Globalisierung bereits nach Ende der Finanz- und Wirtschaftskrise 2009/2010 gesehen. Auch nach den jüngsten negativen Erfahrungen der Corona-Krise möchte niemand die Globalisierung komplett zurückdrehen. Allerdings dürfte sich das Tempo, in dem bis zur Finanzkrise die Internationalisierung der Industriegüter vorangetrieben wurde, nach Ende der Pandemie deutlich verlangsamen. Gleichzeitig beobachte ich einen interessanten Trend im Dienstleistungssektor. Der Corona-bedingte Alltag zeigt, dass beispielsweise viele Dienstleistungen weniger ortsgebunden sind. Wir alle machen diese Erfahrung im Homeoffice und lernen beispielsweise, dass man nicht jede Dienstreise antreten muss. Sollte es im Service-Bereich zu einer weiteren Loslösung vom jeweiligen Standort kommen, könnte hier eine neue Art von „Globalisierung“ stattfinden.

Und der Güterbereich?
Ihm drückt bereits der strategische Wettbewerb zwischen den USA und China seinen Stempel auf. Das Gerangel beider Supermächte um die Führungsposition wird zu staatlichen Eingriffen führen, denen sich die Unternehmen stellen müssen. Angesichts der bisherigen Erfahrungen in der Corona-Krise sollte sich jeder produzierende Betrieb fragen, ob ein Zurück zum business as usual die richtige Entscheidung ist. Viele Firmen mussten Corona-bedingt Störungen ihrer just-in-time-Produktion und
-Lieferung hinnehmen. Angesichts dieser gravierenden Unterbrechungen der Arbeits- und Geschäftsprozesse sollten diese Unternehmen ihr Risikomanagement überprüfen. Letztlich geht es für sie doch darum, sich bestmöglich für die Zukunft aufzustellen.

Stellen sich im Zuge der Globalisierung neue Fragen?
Auf jeden Fall. Dafür sorgt schon allein die Digitalisierung ganzer Wertschöpfungs- und Lieferketten. Allein dieser Prozess wirft völlig neue Fragen auf, die kluge Antworten und technologische Lösungen erfordern. Es sollte in diesem Zusammenhang aber nicht vergessen werden, dass die Geschichte der Globalisierung der vergangenen 20 Jahre von den Arbeitskosten geprägt war. Wenn jetzt allerdings weite Teile der Produktion digitalisiert und automatisiert werden, treten die Arbeitskosten stärker in den Hintergrund. Allerdings bleiben sie als Faktor für den wirtschaftlichen Erfolg des Unternehmens weiter wichtig. Vor diesem Hintergrund stellt sich schon die Frage, ob Firmen eine Produktion am anderen Ende der Welt aufbauen sollten oder es nicht doch ökonomisch sinnvoller wäre, dies vor der eigenen Haustür zu tun.

Worin sehen Sie die Ursachen, dass sich die meisten Industriebetriebe in Deutschland bisher relativ erfolgreich gegen die Corona-Krise stemmen?
Am wichtigsten war bisher, dass die Lieferketten funktionierten und ihren Stresstest relativ gut bestanden haben. Darüber hinaus gibt es drei wesentliche Gründe für die Robustheit der deutschen Industrie während der Pandemie. Von den staatlich verordneten Lockdowns ist vor allem der Dienstleistungssektor hart getroffen worden. Das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland blieb davon weitestgehend verschont. Deshalb konnten sich die Lieferketten den ganzen Sommer hindurch in weiten Teilen von den Folgen der Corona-Krise erholen und weiter funktionieren. Hinzu kam, dass viele deutsche Industriebetriebe aufgrund ihrer engen wirtschaftlichen Verflechtung mit China überproportional am schnell wiedereinsetzenden Wirtschaftswachstum in der Volksrepublik partizipieren konnten. Drittens ist es den deutschen Industriebetrieben mit Blick auf den Schutz ihrer Belegschaften schnell gelungen, erfolgreiche Hygienekonzepte zu entwickeln und umzusetzen. Das alles trug dazu bei, dass wichtige Lieferketten zu keinem Zeitpunkt der Pandemie gerissen sind.

Wie stark belastet der Brexit den deutschen Außenhandel langfristig?
Im Moment wird der deutsch-britische Außenhandel von mehreren Trends überlagert. Mit Brexit, Corona und Grenzschließungen geht alles etwas durcheinander. Im Jahr 2020 nahm Großbritannien in der Rangfolge der wichtigsten Außenhandelspartner Deutschlands Platz fünf bei den Exporten ein. Schon jetzt lässt sich sagen, dass der Austritt des Vereinigten Königreichs aus der EU gravierende Folgen für den Handel mit der Bundesrepublik hat. So sind die deutschen Exporte nach Großbritannien im Januar 2021 um rund 30 Prozent zum Vorjahresmonat eingebrochen. Dennoch würde ich mit Blick auf die makroökonomische Entwicklung in Deutschland die mit dem Brexit verbundenen negativen Effekte als begrenzt einstufen. Ich kann im Moment keine kritischen Lieferketten erkennen, die einen anderen Schluss zuließen. Deshalb dürfte 2021 relativ glimpflich für Deutschland über die Bühne gehen. Bei Großbritannien bin ich mir da nicht so sicher. In der EU sind eher die Niederlande, Irland, Belgien und Luxemburg stärker vom Brexit betroffen – allerdings auch nur kurzfristig. Ich gehe davon aus, dass sich die Europäische Union und Großbritannien langfristig voneinander wegbewegen werden. Der Brexit dürfte auch zu einer Lockerung der bilateralen Handelsbeziehungen führen.

Wird Deutschland gestärkt aus der Corona-Krise hervorgehen?
Ähnlich wie nach der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 wird Deutschland im europäischen Vergleich gestärkt aus der Krise hervorgehen. Der wirtschaftliche Erholungsprozess hat bereits begonnen und läuft sehr gut, weil wir international eng vernetzt sind. Auch der Konjunktureinbruch war bei uns kleiner als etwa in Italien, Frankreich, Spanien.

Allerdings hat die Pandemie auch einige Schwächen offengelegt, um die wir uns dringend kümmern müssen. Diese sind auch nicht neu, aber durch Corona noch einmal stärker in den Vordergrund getreten. Das Verarbeitende Gewerbe in Deutschland ist stark. Die Industrie muss aber auch über neue Technologien nachdenken. Deutschland braucht einen moderneren Staat und eine modernere Infrastruktur.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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