26.08.2021 //

Industrie-Recycling hat noch große Reserven

DERA-Chef: „Wir gehen davon aus, dass der Recyclingsektor in den nächsten Jahren stark an Fahrt aufnehmen wird. Denn die verarbeitende Industrie ist zunehmend daran interessiert, ihre CO2-Bilanz entlang der Lieferketten zu verbessern. Recyclingrohstoffe leisten hierzu einen wichtigen Beitrag.“

Fotoquelle: Wilfried Pohnke/pixabay.com Fotoquelle: Wilfried Pohnke/pixabay.com

Dr. Peter Buchholz, Leiter der Deutschen Rohstoffagentur (DERA) in der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), sprach mit dem BME* über den Aufbau der „Dialogplattform Recyclingrohstoffe“ und des Arbeitsbereichs „Recyclingrohstoffe“ sowie über die aktuelle Recyclingsituation in Deutschland.

Fotoquelle: BME e.V.

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BME: Die DERA feierte im Oktober 2020 ihr zehnjähriges Bestehen. Welche Aufgaben hat sie zu erfüllen?
Dr. Peter Buchholz:
Unsere Agentur beschäftigt sich seit 2010 mit der Bewertung der internationalen Rohstoffmärkte. Wir analysieren Preis- und Lieferrisiken sowie Hemmnisse auf den Rohstoffmärkten. Darüber hinaus identifizieren wir neue Rohstoffpotenziale im Bergbau für die deutsche Industrie, um neue Lieferquellen zur Diversifizierung der Lieferketten aufzuzeigen. Unsere Expert:innen sind weltweit unterwegs, um neue Rohstoffpotenziale aufzuzeigen.. Für die Industrie sind wir zu diesen Themen seit langem ein willkommener Sparringspartner. Jetzt möchten wir die guten Erfahrungen und unsere Herangehensweise zur Bewertung der Märkte auf die Recyclingrohstoffe übertragen.

Ihre Agentur baut gegenwärtig die „Dialogplattform Recyclingrohstoffe“ auf. Worum geht es bei diesem Projekt?
Die Bundesregierung hat sich in ihrer 2020 beschlossenen Rohstoffstrategie verpflichtet, den Beitrag von Sekundärrohstoffen für die Versorgungssicherheit von Rohstoffen zu stärken. Im Dialog mit Industrie, Verbänden, Wissenschaft und Politik sollen in den nächsten zwei Jahren Handlungsoptionen mit dem Ziel entwickelt werden, die sichere und nachhaltige Versorgung der deutschen Industrie mit Metallen und Industriemineralen aus sekundären Rohstoffquellen zu verbessern. Die DERA wurde vom Bundeswirtschaftsministerium damit beauftragt, diesen Dialog zu steuern. Als Forum dient die neue „Dialogplattform Recyclingrohstoffe“, die am 17. Juni 2021 mit einer digitalen Kick-off-Veranstaltung ihre Arbeit aufgenommen hat. Als wissenschaftlichen Partner für die Leitung der Geschäftsstelle hat die DERA die Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (acatech) beauftragt. acatech ist als wissenschaftsbasierte Politik- und Gesellschaftsberatung zur Förderung der Innovationskraft in Deutschland im Auftrag von Bund und Ländern tätig.

Welche Botschaften gingen von der Kick-off-Veranstaltung aus?
Bei der Eröffnungsveranstaltung sagte Elisabeth Winkelmeier-Becker, Parlamentarische Staatssekretärin im BMWi: „Recycling muss künftig einen noch größeren Beitrag für die Rohstoffversorgung unserer Industrie leisten und damit zugleich auch einen wichtigen Beitrag für den Klimaschutz erbringen. Ein verantwortungsvoller und intelligenter Einsatz von Rohstoffen schont nicht nur die Umwelt und reduziert CO2-Emissionen. Unternehmen können als innovative Vorreiter auch einen wertvollen Beitrag zur Sicherung unserer künftigen Rohstoffversorgung leisten und neben dem technischen Innovationssprung die unternehmerische Wettbewerbsfähigkeit stärken.“

Wie geht es jetzt weiter?
Um den Anteil von Recyclingrohstoffen für die Rohstoffversorgung zu erhöhen, wird die Dialogplattform auf der Grundlage von Fachworkshops einen Bericht erstellen. Darin wollen die beteiligten Expertinnen und Experten nicht nur konkrete Recycling-Potenziale für Metalle und Industrieminerale benennen. Es sollen auch Hemmnisse und Schwachstellen der bestehenden Sekundärrohstoffversorgung identifiziert und herausgearbeitet werden. Die ersten Workshops der Arbeitskreise sollen im Herbst stattfinden.

Welche Struktur erhält die Dialogplattform?
Koordination und wissenschaftliche Begleitung liegt in den Händen der Geschäftsstelle. Dazu gehören Vertreter:innen von DERA und acatech. Es wird zwei Arbeitskreise zu den Themenbereichen „Metalle“ und „Industrieminerale“ geben. Ein jährlich stattfindender Runder Tisch zur Konsultation mit Expert:innen aus Wissenschaft, NGOs und anderen Bereichen ist ebenfalls geplant. Last but not least werden externe Gutachter:innen Handlungsoptionen am Ende des Dialogprozesses bewerten.

Die DERA baut derzeit den Arbeitsbereich „Recyclingrohstoffe“ auf. Worum geht es dabei?
Dieser Arbeitsbereich soll einerseits die Umsetzung der Rohstoffstrategie der Bundesregierung in konkrete Maßnahmen unterstützen; andererseits die Recyclingrohstoffe in das bestehende DERA-Rohstoffmonitoring einbinden. Konkret bedeutet das: Die Leistungen des DERA-Rohstoffmonitorings sollen gemäß der Rohstoffstrategie der Bundesregierung um die Themen Angebot, Nachfrage und Preisentwicklung der Sekundärrohstoffe weiterentwickelt werden. Als Grundlage hierfür wird ein detaillierter Einblick über den Status quo der Recyclingwirtschaft für metallische Rohstoffe in Deutschland benötigt. Damit lässt sich besser einschätzen, welchen Beitrag Recyclingrohstoffe für eine potenzielle Versorgung der Industrie mit metallischen Rohstoffen leisten können. Daten über die gesamte Metallverarbeitung, bestehende Recycling-Anlagen, deren Kapazitäten, die bearbeiteten Metalle und die jeweils verwendeten Technologien in Deutschland sind in gesammelter Form derzeit nicht verfügbar. Mit dieser Studie ist die TU Clausthal beauftragt; die Ergebnisse sind im Herbst 2021 zu erwarten.

Welche weiteren Aufgaben hat der neue Arbeitsbereich zu erfüllen?
Weitere Aufgaben des neuen Arbeitsbereichs sind unter anderem: das Herausarbeiten der Wirtschaftlichkeit und Versorgungsicherheit von Recyclingrohstoffen, das Erarbeiten von Datengrundlagen für Deutschland, Analyse von Umbrüchen auf den Recyclingmärkten und neuer Recyclingpotenziale zukünftiger Materialkreisläufe. Wir werden die Recyclingrohstoffe vor allem in Bezug auf die wirtschaftlichen Herausforderungen betrachten, den internationalen Handel mit Recyclingrohstoffen und die Preisentwicklungen analysieren.

Wie bewerten Sie die aktuelle Recyclingsituation in Deutschland?
Wir gehen insgesamt davon aus, dass der Recyclingsektor in den nächsten Jahren stark an Fahrt aufnehmen wird. Denn: Die verarbeitende Industrie ist zunehmend daran interessiert, ihre CO2-Bilanz entlang der Lieferketten zu verbessern. Recyclingrohstoffe leisten hierzu einen wichtigen Beitrag. Sie spielen zudem eine bedeutende Rolle für die Versorgungssicherheit der deutschen Industrie. Ohne Übertreibung kann man deshalb sagen, dass Recyclingrohstoffe die zweite wichtige Säule der Rohstoffversorgung sind. Hier gilt es vor allem, die bestehenden und zukünftigen Recyclingpotenziale besser zu nutzen und die Produktion von Recyclingmaterialien in Deutschland zu erhöhen.

Es gibt also noch Reserven?
Ja klar. So werden beispielsweise Tantal haltige Kondensatoren aus Elektronikschrott kaum recycelt. Recycling von Fensterglas aus dem Bauabbruch findet nur zu einem geringen Teil statt. Deshalb stellt sich die Frage, wie sich das Fensterglasrecycling erhöhen lässt. Besser sieht es in der Feuerfestindustrie aus. Hier wird bereits sehr viel recycelt. Doch auch in diesem Bereich überlegen unsere DERA-Expert:innen gemeinsam mit den Unternehmen, wie sich die Recyclingquote weiter erhöhen lässt. Oder nehmen wir das Beispiel Festplatten. Der Bedarf von Speichermedien in Rechenzentren wird bis 2040 stark steigen. Je nach Szenario könnte der Bedarf für Platin und Ruthenium allein für diese Technologien um das 4-fache beziehungsweise 18-fache der heutigen globalen Produktion steigen. Darin sind recycelfähige Platingruppenmetalle enthalten. Daraus ergeben sich für Speichermedien enorme Recyclingpotenziale der Zukunft.

Sind Sie mit der Recyclingquote in Deutschland zufrieden?
Metallrecycling hat in Deutschland eine lange Tradition. Bei der Herstellung von Aluminium werden durchschnittlich 66 Prozent Recyclingmaterial eingesetzt. 35 Prozent des produzierten Kupfers weltweit stammt aus dem Recycling von Kupferschrott, in Europa sind es rund 40 Prozent, in Deutschland sogar 45 Prozent. Zulegen müssen wir vor allem bei potenziell kritischen Rohstoffen wie den Seltenen Erden, die vor allem für moderne Technologien verwendet werden. Hier liegen die aktuellen Recyclinganteile bei wenigen Prozent. Das Recycling von Lithiumionen-Batterien ist jetzt schon ein großes Thema, weil die EU neue Rechtsvorschriften für Batterien vorgeschlagen hat, nach der durch eine neue Batterieverordnung ab 2022 die derzeitige Sammelquote für Gerätebatterien (beispielsweise von E-Bikes) von 45 Prozent auf 65 Prozent im Jahr 2025 und 70 Prozent im Jahr 2030 steigen soll. Für Industrie- und Autobatterien sowie für Traktionsbatterien aus Elektrofahrzeugen plant die Kommission zudem Vorgaben zum Mindesteinsatz von Rezyklaten (Produkte eines Recyclingprozesses). Ab 2030 sollen für Kobalt zwölf Prozent, für Blei 85 Prozent sowie für Lithium und Nickel jeweils vier Prozent gelten. Ab 2035 sollen die Werte für Kobalt auf 20 Prozent, für Lithium auf zehn Prozent und für Nickel auf zwölf Prozent angehoben werden.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME

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