20.11.2020 //

Märkte und Trends 2021: „Mit der Nanny durch die Krise“

Konjunktur- und Kapitalmarktausblick: Helaba-Chefvolkswirtin Dr. Gertrud R. Traud präsentiert drei Szenarien.

Durchwachsene Prognose für 2020: Für Deutschland geht die Helaba von einem BIP-Minus von 5,4 Prozent aus, in der Eurozone dürfte der Rückgang fast sieben Prozent betragen. Foto: Frank Rösch/BME Durchwachsene Prognose für 2020: Für Deutschland geht die Helaba von einem BIP-Minus von 5,4 Prozent aus, in der Eurozone dürfte der Rückgang fast sieben Prozent betragen. Foto: Frank Rösch/BME

„In diesen ungewöhnlichen und unsicheren Zeiten geht der Konjunktur- und Kapitalmarktausblick der Helaba der Frage nach: Wer führt uns in die Zukunft? In diesem Sinne präsentiert Märkte und Trends 2021 eine Auswahl von Charakteren, die wegweisend sein könnten. Das Hauptszenario trägt den Titel ‚Mit der Nanny durch die Krise‘. Einflussreich könnten aber auch der ‚Poltergeist‘ (negatives Alternativszenario) und der ‚Avatar‘ (positives Alternativszenario) sein, sagte Dr. Gertrud R. Traud, Chefvolkswirtin der Helaba Landesbank Hessen-Thüringen, in einem virtuellen Pressegespräch anlässlich der Vorstellung ihres aktuellen Konjunktur- und Kapitalmarktausblicks.

Hauptszenario: Mit der Nanny durch die Krise (Eintrittswahrscheinlichkeit 70 Prozent)

Im Zuge der Corona-Krise versuchten die Staaten weltweit, mit diversen Maßnahmen das Verhalten ihrer Bürgerinnen und Bürger sowie der Unternehmen zu lenken und ihnen gleichzeitig unterstützend zur Seite zu stehen. „Das ist das, was man üblicherweise unter Erziehung versteht. Somit werden die Staaten/Regierungen –  wie eine Nanny – mit ihrer erzieherischen Arbeit, die auch Sicherheit vermitteln soll, 2021 weiterhin aktiv sein“, erklärte Traud das Hauptszenario, dem sie eine Eintrittswahrscheinlichkeit von 70 Prozent zumisst.

Infolge der Pandemie mit den strengen Lockdowns in vielen Ländern schrumpfte die Weltwirtschaft 2020 so deutlich wie noch nie seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Für Deutschland gehen die Helaba-Volkswirtinnen und -Volkswirte von -5,4 Prozent aus, in der Eurozone dürfte der Rückgang fast sieben Prozent betragen.

Geld- und Fiskalpolitik helfen nach Trauds Einschätzung, die Folgen des Schocks wie Firmenpleiten und Arbeitslosigkeit abzumildern. So habe vor der zweiten Corona-Welle die ökonomische Erholung weltweit eingesetzt. Sie dürfte allerdings im vierten Quartal pausieren. 2021 steigen die Zuwachsraten wieder kräftig. Deutschland werde mit fünf Prozent das höchste Wirtschaftswachstum seit Anfang der 1990er-Jahre verzeichnen. Hierbei unterstellen die Helaba-Volkswirtinnen und -Volkswirte, dass es nicht zu einer Neuauflage der landesweiten wochenlangen und vollständigen Lockdowns komme und in den nächsten Monaten ein Impfstoff zugelassen werde.

Negatives Alternativszenario „Poltergeist“ (Eintrittswahrscheinlichkeit 20 Prozent)

Im negativen Alternativszenario verstärke sich die Unsicherheit noch einmal. Traud: „Gerade die Dinge, die wir nicht sehen, machen hier Angst. Der Poltergeist verkörpert dieses Phänomen: Obwohl gestaltlos, schikaniert er Häuser und deren Bewohner. Die Weltwirtschaft wird weiter von dem fast unsichtbaren Virus gequält und fällt zurück in die Rezession.“

Positives Alternativszenario „Avatar“ (Eintrittswahrscheinlichkeit zehn Prozent)

Im positiven Alternativszenario zeige sich, dass nicht alles schlecht sei, was sich gerade verändere. So eröffne die Digitalisierung Möglichkeiten, die für viele noch unvorstellbar klingen. Der Avatar symbolisiert laut Traud den erfolgreichen Strukturwandel. Die Weltwirtschaft erhole sich sehr schnell von der Krise. Innovationen trieben den Fortschritt und das Wachstum sowie die Aktienmärkte deutlich an.

Vom BME befragt, wie gefährlich das Auseinanderdriften von Industrieproduktion (wächst trotz Corona-Krise) und Dienstleistungen (stark geschrumpft) für den Erholungsprozess der Weltwirtschaft sei, sagte Traud: „Die Industrieländer profitieren von den aktuellen Lockdowns. Das gilt insbesondere für Deutschland. Andere Nationen mit ausgeprägtem Dienstleistungssektor leiden dagegen sehr unter den gegenwärtigen Restriktionen – zumal diese Staaten ohnehin schon Strukturprobleme haben.“ Die Helaba-Bankdirektorin verwies in diesem Zusammenhang auf Italien, Frankreich und Spanien, deren Wirtschaft stark vom Tourismus abhänge. Es werde einige Zeit dauern, bis sich diese Länder ökonomisch den anderen wieder annähern.

Auf die BME-Frage nach der künftigen Rolle Chinas antwortete die Helaba-Chefvolkswirtin: Die größten Volkswirtschaft Asiens gehe gestärkt aus der Corona-Krise hervor. Für die Volksrepublik sei das ein Beweis ihrer Mischung aus Regeln und Sanktionen auf der einen Seite sowie ihres Erziehungsstils, ihrer Unterstützung und Fürsorge auf der anderen Seite. Allerdings bedeuteten diese Regeln und Sanktionen auch Begrenzung von Freiheits- und Persönlichkeitsrechten. Hier müsse sich der Westen die Frage stellen: „Wollen wir das? und wollen wir wirklich so werden wie die Chinesen?“.

Traud ging abschließend auch auf eine BME-Frage zum kürzlich in Hanoi abgeschlossenen RCEP-Abkommen (Regional Comprehensive Economic Partnership) ein. Der jetzt auf dem virtuellen ASEAN-Gipfel unterzeichnete Vertrag sei „eine Supergeschichte für China und Asien. Aber wir wissen noch nicht, wie wir uns positionieren.“

Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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