08.06.2026Politik & Wirtschaft

BME-Expertenkreis: Beschaffung in China bleibt unverzichtbar, wird aber komplexer

Aktuelle Analysen des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik e.V. (BME) zeigen, dass China als zentraler Beschaffungs- und Produktionsstandort für die deutsche Industrie unverzichtbar ist. Chinas 15. Fünfjahresplan und Daten aus dem BME-Expertenkreis China (Stand Mai 2026) verdeutlichen jedoch auch, dass eine bloße Fortführung bisheriger Beschaffungsstrategien nicht ausreicht.
Mit dem 15. Fünfjahresplan hat die Volksrepublik China neue strategische Leitplanken für Industriepolitik, technologische Entwicklung und Lieferketten gesetzt – mit direkten Auswirkungen auf Beschaffung und Supply-Chain-Strategien internationaler Unternehmen.© Anchiy/iStock

Die Bedeutung der Volksrepublik China für die deutsche Industrie ist ungebrochen. Mit einem Außenhandelsumsatz (Summe Exporte/Importe) von 251,9 Mrd. EUR, löst China die USA ab und liegt, wie bereits von 2016 bis 2023, wieder auf Rang 1 der wichtigsten deutschen Handelspartner. Gleichzeitig erreicht das Handelsbilanzdefizit mit China einen neuen Rekordwert von 89,3 Mrd. EUR.

Die Illusion des schnellen De-Risking  

Die Entwicklung der Handelsbilanz mit China spiegelt die Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und betriebswirtschaftlicher Realität. In den vergangenen drei Jahren haben 56 Prozent der befragten Unternehmen lediglich zwischen einem und zehn Prozent ihres Einkaufsvolumens aus China in andere Märkte verlagert. 35 Prozent haben gar keine Volumina verschoben.

Auch der Ausblick bis Ende 2027 verweist auf einen zähen Prozess: 52 Prozent der Einkaufsverantwortlichen planen weiterhin nur Verlagerungen im unteren Segment von einem bis zehn Prozent. „Dies zeigt, dass Verlagerungen aus China heraus Zeit und immense Ressourcen kosten und dass die Lieferketten nach China, trotz der aktuellen geopolitischer Entwicklungen, nach wie vor als robust eingestuft werden“ erklärt Riccardo Kurto, Leiter des BME-Chinabüros und Kenner der lokalen Marktstrukturen.

Wenn ergänzende Ausweichstandorte gesucht werden, profitieren vor allem die ASEAN-Region (33 Prozent), Osteuropa (24 Prozent) und Indien (22 Prozent). Die „China +1 Strategie“ greift vor allem im direkten asiatischen Umfeld, um von der Nähe zu bestehenden asiatischen Lieferketten zu profitieren. Gleichzeitig zeigt der starke Wert für Osteuropa (Nearshoring), dass Bemühungen um regionale Lieferketten in Europa eine ernsthafte Alternative darstellen.

Geopolitik und Regulierung verdrängen klassische Herausforderungen 

Die Einkaufsverantwortlichen differenzieren stark zwischen wirtschaftlicher und politischer Ebene. Die Erwartungen an die Wirtschaftsbeziehungen zwischen der EU und China bleiben über den Zeitraum Mai 2025 bis Mai 2026 mehrheitlich auf dem Niveau „Keine Veränderung zum Status-Quo". Die Rahmenbedingungen für den Einkauf in China werden als stabil bewertet, jedoch mit einer leicht rückläufigen Tendenz. Während im September 2024 noch 73 Prozent das Umfeld als „Gut" einstuften, wächst der Anteil derer, die die Lage als „Herausfordernd" bewerten, auf 33 Prozent im Mai 2026 an (September 2024: 27 Prozent).

Die operativen Herausforderungen, mit denen Einkaufsverantwortliche in China kämpfen, haben sich grundlegend gewandelt. Klassische Themen wie Transportkosten- und Risiken (11 Prozent), Preissteigerungen (7 Prozent) ordnen sich mittlerweile klar den neuen systemischen Risiken unter. Geopolitische Krisen und deren Auswirkungen (32 Prozent), schwer auflösbare Abhängigkeitsstrukturen (27 Prozent) sowie Marktzugangsbarrieren und Regulierungen (20 Prozent) dominieren die Agenda von Einkaufsverantwortlichen.

„Die Komplexität des Marktes hat zugenommen, wir stellen aber eher eine Konsolidierung und Stabilisierung auf hohem Niveau fest“, fasst Kurto zusammen. Planten im Januar 2022 noch 81 Prozent der Unternehmen einen Ausbau ihrer Beschaffungsaktivitäten in China, setzen im Frühjahr 2026 nun 56 Prozent auf eine reine Stabilisierung der Volumina.

Strategischer Ausblick 

China ist nicht neutral, bleibt aber offen und erfolgskritisch für die deutsche Wirtschaft. Unternehmen müssen sich von der Vorstellung lösen, das Land sei lediglich eine günstige „verlängerte Werkbank" für deutsche Unternehmen. Die Kooperation muss künftig politischer, langfristiger und interessengeleiteter gestaltet werden. Begleitet von einer gezielten Diversifizierung erfordert das Chinageschäft mehr denn je hochprofessionelles, lokales Lieferantenmanagement. Die größte Herausforderung für den Einkauf und für die globalen Lieferketten im Jahr 2026 bleibt der permanente Spagat zwischen betriebswirtschaftlichen Realitäten (Kostendruck) und geopolitischen Risikoabwägungen (Resilienz).

Begleitung durch den BME: Um Einkaufs- und Supply-Chain-Verantwortliche in diesem anspruchsvollen, aber hochrelevanten Marktumfeld zu unterstützen, bieten der BME und sein Partnernetzwerk zielgerichtete Leistungen an:

  • BME China Briefings & Foren: Regelmäßige Informationsveranstaltungen zur Einordnung aktueller politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen.
  • Lokale Vernetzung: Der Expertenkreis China bietet Einkaufsentscheidern eine Plattform für den intensiven Best-Practice-Austausch, z.B. zu Resilienz-Strategien, Diversifizierung.
  • Supplier Scouting in Asien: Unterstützung bei der Qualifizierung von Lieferanten in China zur Sicherung der lokalen Versorgung (Local-for-Local) sowie beim Aufbau ergänzender Netzwerke in den ASEAN-Staaten durch Einkaufsinitiativen und B2B-Matchmaking.

Ihre Kontaktpersonen

Bianka Blankenberg
Pressesprecherin
Riccardo Kurto
Leiter BME-Büro China, Chinabeauftragter