12.10.2022Politik & Wirtschaft

BME-Umfrage: 74 Prozent der deutschen Einkaufs- und Logistikmanager unzufrieden mit Krisenmanagement der Bundesregierung

Weitergehende Inflation, Rezession und Unternehmensinsolvenzen erwartet.
Die Umfrage „Fokus Einkauf – Kaufkraft stützen in Zeiten der Krisen“ hat der BME anlässlich des BME-Symposiums 2022 in den ersten beiden September-Wochen 2022 erhoben. 511 deutsche Einkaufs- und Logistik-Experten haben den Fragenkatalog vollständig beantwortet. © Art24hr/iStock

Anfang September hat der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) im Rahmen einer Befragung von über 500 deutschen Einkaufs- und Logistik-Managern ermittelt, dass knapp drei Viertel mit dem Krisenmanagement der Bundesregierung nicht zufrieden sind (74 Prozent). Nur 17 Prozent äußern dagegen Zufriedenheit.

Hintergrund ist, dass sich die Einkaufspreise im laufenden Jahr massiv erhöht haben: um ganze 23 Prozent. Für das kommende Jahr liegen die Prognosen bei weiteren 15 Prozent. 88 Prozent der Befragten werden diese Preissteigerungen vollständig oder teilweise an ihre Kunden weitergeben. „Die Einkaufspreise sind deutlich stärker angezogen als die aktuell ausgewiesene Inflationsrate von rund zehn Prozent. Aufgrund des zentralen Einflusses der Einkaufspreise auf die Verbraucherpreise lassen sich bereits jetzt deutliche Inflationsentwicklungen prognostizieren. Wir dürfen nicht vergessen: In vielen produzierenden Unternehmen macht der Einkaufsanteil, also die extern zugekaufte Wertschöpfung, oft zwischen 70 und 80 Prozent der Gesamtkosten aus. Damit schlagen die stark gestiegenen Einkaufskosten direkt ins Unternehmensergebnis durch! Die befragten Manager sehen bislang nicht, dass die Maßnahmen der Bundesregierung dieser existenzbedrohenden Situation gerecht werden“, erläutert BME-Vorstandsvorsitzende Gundula Ullah.

Wir dürfen nicht vergessen: In vielen produzierenden Unternehmen macht der Einkaufsanteil, also die extern zugekaufte Wertschöpfung, oft zwischen 70 und 80 Prozent der Gesamtkosten aus. Damit schlagen die stark gestiegenen Einkaufskosten direkt ins Unternehmensergebnis durch.

Gundula UllahBME-Bundesvorstandsvorsitzende

Vielfältige Gefahren für die deutsche Wirtschaft

Als Gefahren für die deutsche Wirtschaft geben die Befragten vor allem den Ukraine-Krieg (88 Prozent), die durch Inflation und Rezession sinkende Kaufkraft (77 Prozent) sowie die Abhängigkeit der deutschen Wirtschaft von Rohstoffen (69 Prozent) an. Die Gefahren durch den Konflikt zwischen China-Taiwan/USA (44 Prozent), die Klima-Krise (27 Prozent) sowie die Corona-Pandemie (19 Prozent) sind ihnen dagegen deutlich weniger präsent. Dennoch planen 65 Prozent von ihnen, sich von den gefährdeten Märkten in China und Taiwan unabhängiger zu machen. „Die geringe wahrgenommene Bedrohung der großen Abhängigkeit von China und Taiwan ist bemerkenswert, das gilt insbesondere für Halbleiter und andere Vor-Produkte. Auffällig ist auch, dass die Corona-Pandemie von den deutschen Einkaufs- und Logistik-Managern als weitgehend ‚abgeschlossen‘ und unbedrohlich für ihr Geschäft eingeschätzt wird“, ergänzt Dr. Helena Melnikov, die Hauptgeschäftsführerin des BME.

Mehr als zwei Drittel der Befragten (78 Prozent) rechnen mit Insolvenzen in ihrem wirtschaftlichen Umfeld. Nur 40 Prozent prognostizieren, dass ihre Lieferketten weitere Belastungen aushalten werden. Wenn eine weitere größere Krise eintritt, meinen 60 Prozent der befragten Manager, dass ihre Unternehmen in ihrer Existenz gefährdet sein werden.

Die geringe wahrgenommene Bedrohung der großen Abhängigkeit von China und Taiwan ist bemerkenswert, das gilt insbesondere für Halbleiter und andere Vor-Produkte.

Dr. Helena MelnikovBME-Hauptgeschäftsführerin

Zentrale Aufgabe: Schutz der Kaufkraft der Bevölkerung

Zwei Drittel der Befragten haben persönlich Angst vor steigenden Preisen. 76 Prozent von ihnen sind aber bereit, einen persönlichen Kaufkraftverlust zu akzeptieren, um die westliche Demokratie und die westlichen Werte zu schützen. Um die Kaufkraft der Bevölkerung zu erhalten, planen 72 Prozent der befragten Manager Effizienzsteigerungen, 62 Prozent wollen preisgünstigere Lieferanten suchen, 61 Prozent wollen aus diesem Grund bewusst die Arbeitsplätze in ihren Unternehmen sichern und 35 Prozent planen die Rückverlagerung von Produktionsstätten aus Schwellenländern in Industriestaaten („Reshoring“). „Die Angst vor eigenem Kaufkraftverlust, gesellschaftlichem Kaufkraftverlust und auch Arbeitsplatzverlust ist präsent – dennoch ist es ein klares und sehr erfreuliches Zeichen, dass so viele Einkaufs- und Logistik-Manager bereit sind, einen persönlichen Kaufkraftverlust zu erleiden, um unsere Demokratie und damit unsere westlichen Werte zu schützen“, erklärt Gundula Ullah, die Vorstandsvorsitzende des BME.

Über die Symposiums-Umfrage des BME

Diese Umfrage mit dem Titel „Fokus Einkauf – Kaufkraft stützen in Zeiten der Krisen“ wurde anlässlich des BME-Symposiums 2022 in den ersten beiden September-Wochen 2022 erhoben. 511 deutsche Einkaufs- und Logistik-Experten haben den Fragenkatalog vollständig beantwortet. Ihre Unternehmen stammen vor allem aus dem produzierenden Sektor und reichen von kleinen bis zu sehr großen Unternehmen mit über 5 Mrd. Euro Jahresumsatz.

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