28.04.2026Einkaufspraxis

KI im Mittelstand: vom Schlagwort zur gelebten Praxis

Künstliche Intelligenz gilt als Schlüsseltechnologie, doch gerade im Mittelstand stellt sich weniger die Frage nach Visionen als nach konkretem Nutzen. Wie kann KI im Unternehmensalltag tatsächlich unterstützen? Wo lohnt sich der Einstieg, und welche Voraussetzungen braucht es dafür?
Ivonne Damm (Mitte) und Eva-Maria Winteroll (rechts) bei einem Roadshow-Termin des Mittelstand-Digital Zentrums WertNetzWerke: Im direkten Dialog zeigen sie, wie Künstliche Intelligenz für mittelständische Unternehmen greifbar wird und mit konkreten Anwendungsfällen den Weg von der Theorie in die Praxis findet. © BME e.V.

Im Gespräch mit dem BME erläutern Eva‑Maria Winteroll und Ivonne Damm vom Mittelstand‑Digital Zentrum WertNetzWerke, wie KI vom Schlagwort zur gelebten Praxis wird. Sie sprechen über KI‑Readiness, die Rolle von Daten und Change Management sowie typische Anwendungsfelder im Mittelstand und zeigen, warum praxisnahe Beispiele, Vernetzung und Erleben entscheidend sind, um KI erfolgreich und nachhaltig einzusetzen.

BME: Künstliche Intelligenz ist in aller Munde, trotzdem tun sich viele mittelständische Unternehmen schwer mit dem Einstieg. Woran liegt das?

Eva‑Maria Winteroll: Viele Unternehmen spüren zwar den Handlungsdruck, erleben KI aber gleichzeitig als abstrakt oder überfordernd. Häufig fehlen klare Anwendungsbilder, eine realistische Einschätzung der eigenen Datenbasis oder schlicht die Zeit, sich strukturiert mit dem Thema auseinanderzusetzen. KI ist verfügbar, die Frage ist nicht mehr ob, sondern wie sie sinnvoll eingesetzt wird. Genau hier entstehen Unsicherheiten.

Was braucht es Ihrer Erfahrung nach, damit KI vom Schlagwort zur gelebten Praxis wird?

Ivonne Damm: Vor allem einen Perspektivwechsel. KI muss nicht gleich das ganze Unternehmen umkrempeln. Entscheidend sind konkrete Fragestellungen: Wo verliere ich Zeit? Wo fehlen mir Informationen? Wo wiederholen sich Prozesse? Wenn KI genau dort ansetzt, wird sie greifbar und akzeptiert. Mittelständische Unternehmen brauchen keine Visionen für 2035, sondern Lösungen, die heute funktionieren.

KI ist kein Großkonzern Thema, sondern Mittelstandspraxis

Ivonne DammProjektmanagerin Mittelstand‑Digital Zentrum WertNetzWerke

Der Begriff „KI‑Readiness“ fällt immer häufiger. Was verbirgt sich dahinter?

Eva‑Maria Winteroll: KI‑Readiness ist ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Natürlich geht es um Technik, aber ebenso um Datenqualität, Prozesse, Kompetenzen und Unternehmenskultur. Viele Unternehmen unterschätzen, wie wichtig eine saubere Datenbasis und klare Verantwortlichkeiten sind. Gleichzeitig braucht es Offenheit und Lernbereitschaft. KI ist kein IT‑Projekt, sondern eine strategische Entscheidung, die Organisation und Arbeitsweisen verändert.

Warum entscheidet gerade der Faktor Mensch über Erfolg oder Misserfolg von KI‑Projekten?

Ivonne Damm: Weil die Künstliche Intelligenz (KI) Entscheidungen unterstützt, Prozesse beschleunigt und teilweise automatisiert, dass berührt Rollenbilder und Routinen. Wenn Mitarbeitende nicht eingebunden werden, entstehen Ängste oder Widerstände. Erfolgreiche KI‑Einführung bedeutet deshalb: transparent kommunizieren, Qualifikationen aufbauen und Raum für Mitgestaltung schaffen. Technologie allein reicht nicht.

Ihr Zentrum setzt einen starken Fokus auf Wertschöpfungsnetzwerke. Welche Rolle spielt KI hier?

Eva‑Maria Winteroll: KI entfaltet, auch über Unternehmensgrenzen hinweg, ihren größten Nutzen dort, wo Daten sinnvoll verknüpft werden. In vernetzten Wertschöpfungssystemen können KI‑Anwendungen Prognosen verbessern, Transparenz erhöhen und Risiken früher sichtbar machen. Voraussetzung sind interoperable Datenflüsse, Vertrauen und klare Regeln. Dann wird KI zu einem echten Hebel für Resilienz und Effizienz.

Wo sehen Sie aktuell besonders praxistaugliche Einsatzfelder für KI?

Ivonne Damm: Sehr häufig in Unterstützungsprozessen: Angebotskalkulation, Dokumentenanalyse, Qualitätsprüfung, Produktionsunterstützung oder Wissensmanagement. KI‑gestützte Montagearbeitsplätze, digitale Zwillinge, intelligente Bauteilsuche oder der Einsatz von Sprachmodellen zeigen, wie auch kleine Schritte großen Nutzen bringen können. Entscheidend ist, dass die Anwendung zum Unternehmen passt und nicht umgekehrt.

Was ist Ihre wichtigste Empfehlung an mittelständische Unternehmen?

Ivonne Damm: Nicht abwarten. Mit kleinen, überschaubaren Schritten beginnen, Erfahrungen sammeln und daraus lernen. KI ist kein Alles‑oder‑Nichts‑Projekt.

Eva‑Maria Winteroll: Und niemand muss diesen Weg allein gehen. Austausch, Vernetzung und praxisnahe Begleitung sind entscheidend, um aus ersten Ideen nachhaltige Lösungen zu machen.

KI wird dann wertvoll, wenn sie im Alltag funktioniert. Der Mittelstand braucht kein KI-Versprechen, sondern machbare Lösungen

Eva-Maria WinterollProjektmanagerin Mittelstand‑Digital Zentrum WertNetzWerke

Zum Abschluss noch ein Blick auf den WertNetzWerke Summit am 25. Juni in Oldenburg: Was erwartet die Teilnehmenden dort ganz konkret, insbesondere mit Blick auf Demonstratoren und Praxisbeispiele rund um KI?

Ivonne Damm: Die Teilnehmenden erwartet vor allem eins: KI zum Anfassen. Unsere Demonstratoren zeigen praxisnahe Anwendungen aus unterschiedlichen Bereichen, von KI‑gestützten Montagearbeitsplätzen mit Mensch‑Roboter‑Kollaboration über digitale Zwillinge und das Industrial Metaverse bis hin zu Anwendungen mit Large Language Models, die Dokumente analysieren oder Prozesse unterstützen. Wichtig ist uns dabei immer: Die Lösungen sind realistisch, erprobt und auf den Mittelstand übertragbar.

Eva‑Maria Winteroll: Ergänzt wird das durch konkrete Praxisbeispiele aus mittelständischen Unternehmen sowie Einblicke in unser Partnerunternehmen BÜFA mit einer Werksführung. Die Teilnehmenden sollen nicht nur Inspiration mitnehmen, sondern ein klares Gefühl dafür bekommen, wo sie im eigenen Unternehmen ansetzen können, welche nächsten Schritte sinnvoll sind und dass KI kein abstraktes Zukunftsthema, sondern schon heute ein unterstützendes Werkzeug im Arbeitsalltag sein kann.

WertNetzWerke Summit (25.06.2026, Oldenburg)

Mehrwert durch Wissen, Vernetzung und KI‑Innovation: Das Summit bringt KMU hinsichtlich KI, Digitalisierung und Automatisierung auf den neuesten Sachstand. Jetzt KI live erleben und vom Know-how renommierter Praktiker profitieren!

Hintergrund:

Das Mittelstand-Digital Zentrum WertNetzWerke stärkt kostenfrei sowie anbieterneutral kleine und mittlere Unternehmen (KMU) in Deutschland, um in effizienten, nachhaltigen und digital unterstützten Wertschöpfungsnetzwerken auch zukünftig erfolgreich zu agieren.

Zielgruppe des Mittelstand-Digital Zentrums sind KMU des verarbeitenden Gewerbes, produktionsnahe oder logistische Dienstleistungen sowie die Recycling- und Zirkulärwirtschaft. Themen sind u. a. vernetzte, nachhaltige Wertschöpfungs- und Datenökosysteme (z. B. Gaia-X, Blockchain), kooperative Geschäftsmodelle, Kreislaufwirtschaft, Künstliche Intelligenz, Interoperabilität durch eStandards, Vertrauen durch resiliente Infrastrukturen und gemeinsame Werte.

Das Konsortium ist ein Zusammenschluss unter der Konsortialführerschaft von GS1 Germany, vom Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME), Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production gGmbH (CSCP), des Fraunhofer-Instituts für Angewandte Informationstechnik (FIT) und dem wisnet innovation research institute (w.i.r.i.).

Mittelstand-Digital Zentrum WertNetzWerke: Weiterführende Informationen

Ihre Kontaktpersonen

Eva-Maria Winteroll
Innovation & Produktentwicklung International
Ivonne Damm
Senior Account Managerin