Lieferketten: Deutsche Unternehmen sehen sich gut gerüstet, doch im Ernstfall fehlt oft der Plan
Unternehmen sind zunehmend überzeugt, die nächste Lieferkettenkrise zu überstehen. Wenn es so weit ist, fehlen vielen jedoch die nötigen Prozesse, der Überblick und die Abstimmung zwischen den Abteilungen.
Das zeigt die neue Studie „Building for disruption: the new outlook for supply chain resilience“ der internationalen Normungsorganisation British Standards Institution (BSI). Dafür wurden weltweit 1.400 Führungskräfte aus den Bereichen Lieferkette, Finanzen, Einkauf, Betrieb und Recht befragt, darunter über 100 in Deutschland.
75 Prozent der deutschen Unternehmen rechnen damit, in den kommenden zwölf Monaten besser auf Störungen vorbereitet zu sein. Doch 30 Prozent geben an, beim Risikomanagement überwiegend reaktiv vorzugehen. Knapp die Hälfte (46 Prozent) kann bei einer Störung noch am selben Tag handeln. Im jüngsten Konflikt zwischen Iran und Israel ist jedoch fast die Hälfte (48 Prozent) vom vereinbarten Krisenplan abgewichen. Selbst in jenen Unternehmen, die über einen ständig einsatzbereiten Krisenstab verfügen, dauert es bei 23 Prozent bis zu drei Tage, bis er aktiv wird. Und 46 Prozent nehmen sich eine funktionsübergreifende Szenario-Planung zwar vor, setzen sie aber nicht konsequent um.
Die Folgen treffen nicht nur die Unternehmen selbst: Ein Viertel plant, in den nächsten sechs Monaten die Preise zu erhöhen, um die gestiegenen Lieferkettenkosten auszugleichen.
Fehlende Prozesse, wenig Überblick, viel Silodenken
Laut der Studie liegen die Probleme vor allem in drei Bereichen:
Prozesse: 44 Prozent der deutschen Unternehmen haben keinen formalen, dokumentierten Prozess für das Management von Lieferkettenrisiken. Bei der Hälfte bremsen langsame oder unklare Freigaben die Entscheidungen. Nur 32 Prozent haben klare Regeln dafür, wie die Abteilungen im Störungsfall miteinander kommunizieren.
Transparenz: 42 Prozent fehlen aktuelle und verlässliche Daten, um schnell und sicher reagieren zu können. Nur ein Drittel (34 Prozent) weiß genau, wo die eigenen Lieferanten sitzen und welchen geografischen Risiken das Unternehmen ausgesetzt ist.
Zusammenarbeit: Für ein Viertel (24 Prozent) behindern Silodenken und mangelnde Abstimmung gute Entscheidungen. 29 Prozent berichten von widersprüchlichen Prioritäten zwischen Teams und Abteilungen. Nur in 31 Prozent der Unternehmen treffen sich funktionsübergreifende Teams mindestens einmal pro Woche.
Unternehmen stellen sich auf die Dauerkrise ein
Viele in Deutschland ansässige Unternehmen wollen sich nicht nur von der letzten Krise erholen. Sie bauen ihre Lieferketten grundlegend um und überdenken, wie und wo sie Waren beschaffen, lagern und transportieren. Viele setzen bereits um oder planen für die kommenden sechs bis zwölf Monate Folgendes:
- 79 Prozent wollen ihre strategischen Lagerbestände aufstocken.
- 72 Prozent verlagern zentrale Geschäftsbereiche in nähere Regionen (Nearshoring).
- 74 Prozent wollen auf andere Verkehrsträger umsteigen.
- 30 Prozent rechnen damit, ihre Handelsrouten komplett zu ändern.
- 24 Prozent suchen neue Lieferanten.
- 24 Prozent wollen ihr Sortiment verkleinern.
Trotzdem fühlen sich nur 32 Prozent voll auf geopolitische Schocks vorbereitet. Bei Rohstoffengpässen und Cybervorfällen sind es jeweils nur 28 Prozent. Auch künstliche Intelligenz bereitet Sorgen: Ein Drittel der Befragten (33 Prozent) erwartet, dass KI das Risiko von Diebstahl und Cyberkriminalität in der Lieferkette erhöht.