Resilienz statt reiner Kosteneffizienz: Chinas 15. Fünfjahresplan und die Auswirkungen auf die Beschaffung
Der Entwurf für Chinas 15. Fünfjahresplan (2026–2030) wurde am 5. März 2026 offiziell im Rahmen des 14. Nationalen Volkskongresses (NVK) zur Beratung vorgelegt. Mit dem neuen Fünfjahresplan festigt die Volksrepublik China ihren Kurs weg von einem rein wachstumsgetriebenen Modell hin zu einem Resilienz- und qualitätsorientierten Entwicklungsmodell seiner Wirtschaft. Für Beschaffungsstrategien deutscher Unternehmen bedeutet dies, dass diese künftig weit über die Parameter Kosten und Qualität hinausgehen müssen.
Ein strategisches Steuerungsinstrument statt eines klassischen Wirtschaftsplans
Der 15. Fünfjahresplan (FYP) ist weniger als klassisches ökonomisches Dokument zu verstehen, sondern vielmehr als ein strategisches Steuerungsinstrument an der Schnittstelle von Industriepolitik, Sicherheit und Geopolitik. China strebt dabei eine beschleunigte Verlagerung hin zu wissens- und technologieintensiver Wertschöpfung an – zusammengefasst unter den strategischen Leitlinien der „new quality productive forces“. Insbesondere der Maschinenbau, die Halbleiterindustrie sowie Anbieter grüner Technologien (Batteriespeicher, Photovoltaik) stehen im Fokus dieser staatlich orchestrierten Innovationswelle. Für die die Rolle von Einkauf, Logistik und Supply Chain ist dies von hoher praktischer Relevanz. „Beschaffung aus China ist nicht länger ausschließlich eine Frage von Kosten, Qualität und Lieferzuverlässigkeit, sondern zunehmend eingebettet in industriepolitische Zielsetzungen Chinas“ sagt Dr. Lars Kleeberg, Hauptgeschäftsführer des BME.
Lieferketten als strategische Assets
Ein zentraler Aspekt des neuen Plans ist die Gleichrangigkeit von wirtschaftlicher Entwicklung und nationaler Sicherheit. Lieferketten und industrielle Kernkompetenzen werden aus chinesischer Sicht explizit als strategische Faktoren definiert. Ziel hierbei ist es, Abhängigkeiten in Schlüsselindustrien zu reduzieren und heimische Zulieferstrukturen zu stärken. „Die zentralen Risiken für den Einkauf deutscher Industrieunternehmen liegen weniger in abrupten Marktverwerfungen als vielmehr in schleichenden regulatorischen Veränderungen. Dazu zählen zunehmende Lokalisierungsanforderungen, strengere Prüfungen bei sensiblen Technologien oder gezielte Eingriffe über nationale Normen und Standards“ erklärt Riccardo Kurto, Leiter des BME-Chinabüros und Kenner der lokalen Marktstrukturen. „Wer über eine starke lokale Präsenz und ein tiefes Verständnis der regulatorischen Anforderungen verfügt, wird sich strukturelle Vorteile sichern können“ so Kurto weiter. Chinas Reaktion auf europäisches De-Risking ist keine Abkopplung, sondern eine Kombination aus Diversifizierung, industrieller Eigenständigkeit und selektiver Offenheit.
Das Spannungsfeld: EU-Regulierung vs. Chinesische Sicherheitspolitik
Ein weiteres zentrales Spannungsfeld für den Einkauf ist die zunehmende regulatorische Divergenz. Während das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) und die EU-Richtlinie (CSDDD) von Unternehmen eine risikobasierte Transparenz über die gesamte Kette fordern, setzt der 15. Fünfjahresplan Chinas genau entgegengesetzte Impulse. Riccardo Kurto: „Wir steuern auf ein ernsthaftes Dilemma zu: Die Übermittlung von Lieferantendaten nach Europa kann zukünftig zunehmend in Konflikt mit chinesischen Gesetzen geraten, da Beijing die gesetzlichen Hürden für den grenzüberschreitenden Transfer industrieller Daten verschärft“.
Fazit und Ausblick
Der 15. Fünfjahresplan markiert keinen abrupten Bruch, sondern eine strategische Verdichtung der bisherigen chinesischen Industrie- und Wirtschaftspolitik. Politische Prioritäten und die Setzung technologischer Standards gewinnen gegenüber reinen Marktmechanismen an Bedeutung, die Ära des Wachstums um jeden Preis ist vorbei. Für den Einkauf bedeutet dies, dass Strategien künftig politischer, langfristiger und systemischer gedacht werden müssen. China bleibt ein zentraler Beschaffungs- und Produktionsstandort, insbesondere bei technologisch anspruchsvollen Spezialkomponenten und industriellen Materialien. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die Kooperation künftig stärker interessengeleitet sein wird und eine pragmatischere Vorgehensweise mit China stärker in den Vordergrund rücken muss, um die Möglichkeiten des Marktes zu nutzen. Der chinesische Markt bleibt zwar offen, er ist jedoch nicht mehr neutral.
China war im Jahr 2025 wieder wichtigster Handelspartner Deutschlands (wie bereits in der Periode 2016-2023), was die Bedeutung für die Industrie nochmals unterstreicht. Der BME empfiehlt Unternehmen, ihre China-Strategie nicht als statisches Dokument, sondern als dynamischen Prozess zu begreifen. Die formale Verabschiedung des Plans in wenigen Tagen wird der Startschuss für eine neue Phase der industriellen Kooperation sein – eine Kooperation, die professioneller, politischer und resilienter gestaltet werden muss als je zuvor.
TERMINHINWEIS: Der BME wird weiterhin über die Entwicklung und Umsetzung des Fünfjahresplans informieren: Ein erster Anknüpfungspunkt ist das nächste „BME China Briefing“ am 23. April 2026 zum Thema: Chinas Fünfjahresplan 2026 – 2030: Bedeutung für Einkauf und internationale Lieferketten.