27.07.2026Logistik & Supply Chain

Risikofaktoren treiben die Frachtraten weiter nach oben

Das aktuelle Forto See- und Luftfracht-Update zeigt: Trotz leichter Zunahme der globalen Kapazität ist Frachtraum weiterhin sehr ungleich verteilt.
© Erich Wirz/pixabay.com

Seefracht zwischen Fernost und Nordeuropa ist im zweiten Quartal 2026 deutlich teurer geworden. Der Hauptgrund: Verlader haben ihre Sendungen in großem Stil vorgezogen. Hinzu kamen hohe Treibstoffkosten und eine weiter angespannte Routenlage, geht aus dem aktuellen See- und Luftfracht-Update der Spedition Forto hervor. Danach stabilisierten sich die Preise in der Luftfracht nach den starken Anstiegen zu Jahresbeginn, lagen auf vielen wichtigen Relationen jedoch weiterhin auf erhöhtem Niveau.

Seefracht: Vorzieheffekte treffen auf gebundene Kapazitäten

Die Spotraten auf der Relation Fernost-Nordeuropa lagen im Quartalsdurchschnitt bei rund 2.130 US-Dollar pro TEU und damit 38 Prozent über dem Vorquartal und 45 Prozent über dem Vorjahreswert (Hinweis der BIP-Redaktion: TEU steht in der Logistik für Twenty-Foot Equivalent Unit und ist die internationale Standardmaßeinheit für genormte ISO-Container sowie die Ladekapazität von Frachtschiffen.) Zum Quartalsende kletterte der von Forto ausgewertete SCFI-Subindex für Asien-Nordeuropa auf 3.342 US-Dollar pro TEU und war damit etwa doppelt so hoch wie am Tiefpunkt Ende April.

Ab Mitte Mai zogen zahlreiche Verlader ihre Sendungen vor. Dieser Nachfrageschub traf auf einen Markt, in dem die längere Route um das Kap der Guten Hoffnung bereits zusätzliche Schiffe band. In der Folge erhöhten sich die Frachtraten bis Ende Juni weiter deutlich.

Auch die Bunkerkosten schnellten erheblich nach oben: Der Durchschnittspreis für VLSFO Schiffsbunkeröl (VLSFO – Very Low Sulphur Fuel Oil) betrug 822 US-Dollar pro Tonne und damit 41 Prozent mehr als im Vorquartal. Der Preis für Brent-Rohöl war bis Ende Juni zwar von seinem Quartalshoch bei rund 120 auf etwa 72 US-Dollar je Barrel gefallen. Die Bunkerzuschläge orientieren sich aber am Durchschnittspreis des jeweiligen Vorquartals. Niedrigere Ölpreise dürften sich daher nach Forto-Einschätzung erst zeitversetzt in den Zuschlägen niederschlagen.

„Die vorgezogenen Verladungen haben die Nachfrage deutlich verstärkt. Gleichzeitig verschiebt sich die Hochsaison auf der Relation Asien-Europa zunehmend in die Monate Mai und Juni, solange die Schiffe den längeren Weg um das Kap der Guten Hoffnung nehmen“, sagt Stefan Hartmann, Head of Trade Asia – Europe bei Forto. „Der Ratenanstieg war damit vor allem nachfragegetrieben und nicht das Ergebnis umfangreicher Angebotskürzungen.“

Hormus: Noch keine belastbare Normalisierung

Die Mitte Juni vereinbarte vorübergehende Wiederöffnung der Straße von Hormus hat bislang nicht zu einer nachhaltigen Entspannung geführt. Widersprüchliche Signale und neue Angriffe auf Schiffe sorgten für zusätzliche Unsicherheit. Für eine Rückkehr großer Containerreedereien in den Golf müssten aus Sicht von Forto vor allem die Prämien für Kriegsrisikoversicherungen sinken und die Versicherungsbedingungen verlässlicher werden. Unabhängig davon bleibt eine Rückkehr auf die Suez-Route an eine nachhaltige Stabilisierung im Roten Meer gebunden. Auf der Relation Fernost-Nordeuropa fahren Maersk, MSC, CMA CGM und Hapag-Lloyd deshalb weiterhin über das Kap der Guten Hoffnung.

Die Fahrplanzuverlässigkeit auf der Relation Asien-Nordeuropa verbesserte sich im Quartalsverlauf: In den rollierenden Zweimonatszeiträumen stieg sie von einem Tief bei 53,7 Prozent im Februar/März auf 67,8 Prozent im April/Mai. Zwischen den Reederei-Netzwerken blieben die Unterschiede allerdings groß: Die Pünktlichkeitswerte reichen von 94,1 Prozent bei Gemini bis zu 53,4 Prozent bei der Ocean Alliance.

Luftfracht: Mehr Kapazität, aber keine flächendeckende Entspannung

Der Luftfrachtmarkt entwickelte sich im zweiten Quartal von den akuten Verwerfungen zu Jahresbeginn zunehmend in Richtung eines ausgewogeneren Marktumfelds. Nach Angaben der International Air Transport Association (IATA), dem globalen Dachverband der Fluggesellschaften, lag die weltweite Nachfrage sechs Prozent über dem Vorjahresniveau, während die Kapazität lediglich um 1,9 Prozent zunahm.

Getragen wurde diese Entwicklung insbesondere von der Nachfrage nach hochwertigen und zeitkritischen Gütern, darunter Technologieprodukte sowie andere für Produktionsprozesse kritische Waren.

Trotz des globalen Kapazitätszuwachses blieb der tatsächlich verfügbare Frachtraum stark von der jeweiligen Relation abhängig. Operative Engpässe an Flughäfen sowie Luftraumbeschränkungen infolge der Spannungen im Nahen Osten begrenzten das Angebot auf einzelnen Strecken und führten zu Umleitungen sowie Kapazitätsverlagerungen.

Nach den deutlichen Anstiegen im ersten Quartal stabilisierten sich die Luftfrachtraten, überschritten auf vielen wichtigen Relationen jedoch weiterhin das saisonübliche Niveau. Auf der Relation China-Europa gingen die Preise im Quartalsverlauf zurück, während die Raten von China und Hongkong in die USA vergleichsweise hoch ausfielen. Vietnam und Indien verzeichneten auf den Verbindungen nach Europa und Nordamerika ein starkes Wachstum.

Auch zum Quartalsende sinkende Kerosinpreise sorgten zunächst nur begrenzt für Entlastung. Von Mitte bis Ende Juni sank der weltweite Durchschnittspreis für Kerosin laut IATA um rund 16 Prozent. Auf die Luftfrachtraten wirkte sich das allerdings noch kaum aus: Nachfrage, verfügbare Kapazitäten und operative Störungen bestimmten die Preisentwicklung weiterhin stärker. Zudem mussten viele Fluggesellschaften noch die höheren Betriebskosten aus dem früheren Quartalsverlauf ausgleichen.

„Die leichte Zunahme der globalen Kapazität darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Frachtraum weiterhin sehr ungleich verteilt ist. Für Verlader zählt nicht der weltweite Durchschnitt, sondern ob auf der benötigten Relation zum richtigen Zeitpunkt ausreichend Kapazität mit dem erforderlichen Servicelevel verfügbar ist. Frühe Buchungen und flexible Routings bleiben ein wichtiger Schutz vor Engpässen und kurzfristigen Preissprüngen“, so Christopher Braun, Director Freight bei Forto.

Ausblick: Entspannung bleibt fragil

Wie sich der Seefrachtmarkt im dritten Quartal entwickelt, hängt aus Fortos Sicht vor allem von zwei Faktoren ab: der Nachfrageentwicklung und dem weiteren Verlauf der Lage rund um Hormus. Am wahrscheinlichsten ist, dass die Raten mit nachlassenden Vorzieheffekten allmählich sinken, während die Reedereien vorerst weiter über das Kap der Guten Hoffnung fahren. Entspannt sich die Lage nachhaltig, könnten die Preise im späteren Quartalsverlauf deutlicher nachgeben. Eskaliert die Situation dagegen erneut, könnten die Raten wieder in Richtung der Juni-Höchststände klettern.

In der Luftfracht dürften vor allem die Nachfrage in der zweiten Jahreshälfte, weitere Buchungen für hochwertige und zeitkritische Sendungen sowie die Entwicklung der Technologiebranche den Markt bestimmen. Frühzeitige Buchungen deuten darauf hin, dass sich erste Verlader bereits Kapazitäten für die Hochsaison sichern. Zusätzliche Risiken entstehen durch mögliche Luftraumbeschränkungen, steigende Treibstoffkosten sowie saisonale Wetterereignisse wie Taifune und den Monsun in Teilen Asiens.