Warum Europas Beschaffungskultur die Wettbewerbsfähigkeit untergräbt
Meinungsbeitrag der Raben Group
Von Ewald Raben, CEO und Inhaber der Raben Group
Der folgende Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder und entspricht nicht zwangsläufig der Position des BME.
Warum Europas Beschaffungskultur die Wettbewerbsfähigkeit untergräbt
Seit Jahrzehnten wird die Beschaffung an einer einfachen Frage gemessen: Wie viel Geld haben Sie in diesem Jahr eingespart? Auf den ersten Blick erscheint dies rational. Niedrigere Einkaufskosten verbessern die Margen, erfüllen die Quartalsziele und sorgen für unmittelbar messbaren Erfolg. Doch diese Logik birgt ein wachsendes Problem: Unternehmen konkurrieren über ihre Leistung, nicht über ausgehandelte Rabatte.
Und nirgendwo wird dieser Widerspruch deutlicher als in der Logistik. Als Logistikunternehmer, der in 17 europäischen Märkten tätig ist, sehe ich jeden Tag, wie Unternehmen ihre eigene Wettbewerbsfähigkeit ungewollt schwächen: durch Beschaffungsstrukturen, die fast ausschließlich auf kurzfristige Einsparungen ausgerichtet sind. Jährliche Ausschreibungen. Online-Auktionen. Ständiger Druck auf die Preise – „Zeigen Sie mir Ihren Rabatt.“
Das Ergebnis ist oft vorhersehbar: Lieferanten reduzieren ihre Margen. Innovationen verlangsamen sich. Die Servicequalität wird instabil. Digitale Investitionen werden aufgeschoben. Partnerschaften werden transaktional statt strategisch.
Ironischerweise verhandeln Unternehmen vielleicht zwei Prozent Einsparungen, verlieren dabei aber fünf Prozent an Effizienz.
Das eigentliche Problem ist kultureller Natur. Europa – und insbesondere Deutschland – verfügt nach wie vor über außergewöhnliche industrielle Kompetenzen. Man ist stolz auf technische Exzellenz, operative Qualität und Zuverlässigkeit. Dennoch sind viele Betriebssysteme überraschend veraltet: manuelle Prozesse, fragmentierte IT-Landschaften, Excel-basierte Arbeitsabläufe, papiergestützte Routinen und geringe Prozesstransparenz.
Warum? Weil Einsparungen dem Chef als unmittelbarer Erfolg präsentiert werden können. Einsparungen werden sofort belohnt, Transformation hingegen nicht. Investitionen in Digitalisierung, Automatisierung oder Prozessneugestaltung verursachen zunächst Kosten und erfordern organisatorische Veränderungen. Und Veränderungen sind unangenehm. Es ist viel einfacher, Einsparungen im Einkauf zu feiern, als einen zukünftigen Wettbewerbsvorteil zu messen.
Dennoch werden die Unternehmen, die im nächsten Jahrzehnt wettbewerbsfähig bleiben, nicht unbedingt diejenigen mit den niedrigsten Frachtraten sein. Es werden diejenigen sein, die über die stärksten operativen Ökosysteme verfügen. Die größten Effizienzgewinne liegen in der Regel nicht im Preis selbst verborgen. Sie liegen in der Verschwendung. Ein Beispiel: An vielen Logistikstandorten dauert das physische Be- oder Entladen eines LKWs vielleicht nur 45 Minuten. Doch der gesamte Prozess – Wartezeiten, Papierkram, Koordination – nimmt oft mehr als zwei Stunden in Anspruch. Die Reduzierung von Prozessreibungsverlusten kann die Lkw-Effizienz um fast zehn Prozent verbessern. Keine noch so aggressive Preisverhandlung kann das nachhaltig erreichen.
Das Gleiche gilt für die Datenqualität. Bei der Raben Group gehen 97 Prozent der Transportaufträge elektronisch ein. Dennoch erfordert ein erheblicher Anteil immer noch manuelle Korrekturen, da Versanddaten, Gewichte, ADR-Informationen oder Lieferfenster vom Versender falsch angegeben wurden.
Auch hier ist nicht der Transport selbst der eigentliche Kostentreiber, sondern die Ineffizienz der Prozesse. Deshalb muss die Beschaffung den Begriff „Erfolg“ grundlegend neu definieren. Die Zukunft gehört den Unternehmen, die von konfrontativen Lieferantenbeziehungen zu strategischen Partnerschaften übergehen, die auf Transparenz, Vertrauen und gemeinsamen Anreizen basieren.
Die stärksten Lieferketten der Zukunft entstehen nicht dadurch, dass man die Lieferanten jedes Jahr stärker unter Druck setzt. Sie entstehen dadurch, dass Unternehmen eine andere Frage stellen: nicht „Wie viel mehr kann ich herausholen?“, sondern „Wie viel Wert können wir gemeinsam schaffen?“. Langfristige Wettbewerbsfähigkeit entsteht nicht durch Angst und Druck. Sie entsteht, wenn beide Partner gleichermaßen daran interessiert sind, das System gemeinsam zu verbessern.
Das ist die eigentliche Herausforderung für das Beschaffungswesen, die Europa bewältigen muss.
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