Wirtschaftsfaktor Defence: Verteidigungsfähigkeit braucht Souveränität
Deutschland diskutiert intensiv über den Aufbau seiner Verteidigungsfähigkeit bis 2029. Auf der Handelsblatt-Konferenz „Wirtschaftsfaktor Rüstung“ am 14.09.2026 in Düsseldorf wurden die Kernherausforderungen hierzu deutlich: Die entscheidende Frage lautet nicht nur, wie viel beschafft und produziert werden soll, sondern ob die dafür notwendigen Technologien, Vorprodukte, Verarbeitungskapazitäten, Lieferanten und Transportwege tatsächlich verfügbar sind.
Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Industrie, Bundeswehr, Beschaffung und Lieferkettenmanagement zeichneten ein weitgehend übereinstimmendes Bild. Höhere Verteidigungsausgaben sind notwendig, entfalten ihre Wirkung aber nur in einem leistungsfähigen industriellen Ökosystem. Innovation, Produktion, Einkauf und Logistik müssen enger zusammenspielen, damit aus politischen Zielsetzungen verlässlich verfügbare Systeme und Leistungen werden. Oder wie Mona Neubaur, Ministerin für Wirtschaft, Industrie, Klimaschutz und Energie des Landes Nordrhein-Westfalen, es vor Ort auf den Punkt brachte: „Wir brauchen Souveräntiät, die stark macht.”
Verteidigungsfähigkeit als langfristige Transformationsaufgabe
Jens Plötner, Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, ordnete Deutschlands Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit in Entwicklungsschritte bis 2029, von 2029 bis 2035 und für die Zeit danach ein. Der damit verbundene Weg ist als kontinuierlicher Aufbauprozess zu verstehen. Im Mittelpunkt steht ein Ökosystem, das Innovation und Produktion systematisch miteinander verzahnt und die industrielle Basis dauerhaft stärkt.
Auch die industrielle Perspektive zeigte, dass der Ramp-up über zusätzliche Fertigungslinien hinausgeht. Oliver Dörre, CEO von HENSOLDT, verwies auf die Bedeutung von Unternehmenskultur, Verantwortungsübernahme sowie moderner Software- und Datenkompetenz. Digitale Führungsfähigkeit wird insbesondere bei komplexen, vernetzten Systemen zum strategischen Faktor. Zugleich gilt es, neue technologische Abhängigkeiten und Vendor-Lock-in-Effekte zu vermeiden.
Rohstoffe sind nur ein Teil der Gleichung
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf kritischen Rohstoffen und industriellen Verarbeitungsfähigkeiten. Die Diskussion über Germanium, Wolfram, Mangan, Nickel, Chrom und weitere Grundstoffe machte deutlich, dass Engpässe nicht allein beim Zugang zu Rohstoffen entstehen. Ebenso kritisch sind fehlende oder rückläufige Kapazitäten für Verarbeitung, Veredelung und die Herstellung relevanter Vorprodukte.
Damit rücken Wertschöpfungsstufen in den Fokus, die in klassischen Risikoanalysen häufig zu wenig berücksichtigt werden. Strategische Bevorratung kann kurzfristig Stabilität schaffen. Langfristig braucht es jedoch tragfähige Lösungen, die Recycling, Kreislaufwirtschaft, industrielle Beiprodukte und alternative Materialien einbeziehen. Bei besonders kapitalintensiven Vorhaben wie Minen, Aufbereitungskapazitäten oder Rohstoffkonsortien ist zudem eine klare Arbeitsteilung zwischen Staat und Wirtschaft erforderlich. Internationale Modelle, insbesondere aus Japan und Frankreich, wurden als mögliche Orientierung genannt.
Für den Einkauf folgt daraus eine erweiterte Perspektive auf Versorgungssicherheit. Neben Preis, Qualität und Termintreue gewinnen die Tiefe der Lieferkette, regionale Verarbeitungskompetenzen, Substitutionsmöglichkeiten und die wirtschaftliche Stabilität vorgelagerter Anbieter an Bedeutung. Unternehmen bleiben für ihre Risikoanalyse verantwortlich. Bei systemischen Engpässen reichen einzelbetriebliche Maßnahmen jedoch nicht aus.
Deep Dive: Von der Markttransparenz zur Lieferfähigkeit
Diese übergreifenden Konferenzthemen wurden im Deep Dive „Von der Markttransparenz zur Lieferfähigkeit: Wie Vernetzung den Defence-Ramp-up ermöglicht“ aus Sicht von Einkauf, Industrie und Logistik vertieft. Im Gespräch mit Miriam Daum, Geschäftsführung und CFO bei Dynamit Nobel Defence, Fabian Mattes, Senior Vice President Procurement & Supply Chain Management bei TKMS sowie Svenja Meyer, CPO der Duisburger Hafen AG, stand die Frage im Mittelpunkt, welche Voraussetzungen Unternehmen für eine schnelle und zugleich belastbare Skalierung benötigen. Moderiert wurde die Session von Mirjam Zeller, Leiterin Competence Center Defence Procurement und SVI-Connect beim BME.
Drei zentrale Erkenntnisse
1. Transparenz schafft Orientierung, aber noch keine Kapazitäten
Markttransparenz über Anbieter, Qualifikationen, Spezifikationen und verfügbare Fähigkeiten ist eine zentrale Voraussetzung für den Defence-Ramp-up. Sie ermöglicht es, potenzielle Lieferanten schneller zu identifizieren, Risiken früher zu erkennen und neue Anbieter gezielter zu qualifizieren. Genau hier setzt SVI-Connect als Kooperationsprojekt von BDSV und BME, gefördert durch das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie, an. Transparenz entfaltet ihren Nutzen jedoch erst, wenn auf dieser Grundlage Kooperationen, Qualifizierungsprozesse und konkrete Kapazitäten entstehen.
Fabian Mattes verdeutlichte am Beispiel von TKMS, wie interne Prozesse, externe Lieferantenstrukturen und Resilienz zusammengedacht werden müssen. Prozess-KI kann den Einkauf dabei unterstützen, Entscheidungswege zu beschleunigen, Transparenz nutzbar zu machen und insbesondere die Kostenstruktur langfristig im Griff zu behalten.
2. Lieferfähigkeit entsteht in den vorgelagerten Wertschöpfungsstufen
Miriam Daum beschrieb für Dynamit Nobel Defence ein Umsatzwachstum auf ein Vielfaches gegenüber 2022. Ein derartiger Hochlauf zeigt, dass Skalierung nicht allein innerhalb des eigenen Werkstores entschieden wird. Ein wesentlicher Teil der Wertschöpfung liegt in den Lieferketten. Rohstoffe, chemische Vorprodukte und industrielle Grundfähigkeiten müssen in der erforderlichen Qualität und Menge verfügbar sein.
Gerade dort, wo grundlegende Fähigkeiten in Deutschland fehlen oder sich relevante Industrien aus bestimmten Wertschöpfungsstufen zurückgezogen haben, stößt der Ramp-up an strukturelle Grenzen. Für den Einkauf bedeutet dies, Lieferanten nicht nur nach aktueller Lieferfähigkeit zu beurteilen. Ebenso wichtig sind Skalierungspotenzial, Qualifizierungsstatus, Investitionsfähigkeit und der Zugang zu kritischen Vorleistungen. Die schnelle Einbindung von Mittelstand, Start-ups und New-Defence-Anbietern wird damit zu einer strategischen Aufgabe.
3. Logistik wird zum strategischen Produktionsfaktor
Svenja Meyer ergänzte die industrielle Perspektive um die Infrastruktur- und Logistikdimension. Niedrigwasser, Engpässe auf Verkehrswegen, Genehmigungszeiten und Investitionsbedarfe an Knotenpunkten beeinflussen unmittelbar, ob Güter, Vorprodukte und Materialien rechtzeitig verfügbar sind. Multimodale Transportkonzepte und leistungsfähige Logistik-Hubs sind deshalb nicht nur operative Themen, sondern Bestandteile der nationalen Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit.
Die Wasserstraße kann dabei zu einem strategischen Erfolgsfaktor werden, wenn sie verlässlich in multimodale Netze eingebunden ist. Die Arbeit der Allianz Wasserstraße unterstreicht, dass die Leistungsfähigkeit einzelner Verkehrsträger nicht isoliert betrachtet werden darf. Resilienz entsteht durch Ausweichmöglichkeiten, funktionierende Übergabepunkte und eine Infrastruktur, die auch unter erhöhtem Bedarf belastbar bleibt.
„Deutschland investiert in seine Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit. Damit diese Investitionen ihre Wirkung entfalten können, braucht es starke und resiliente Lieferketten. Häfen, Wasserstraßen und multimodale Logistikstandorte bilden dafür das Rückgrat. Wer über Sicherheit spricht, muss daher auch über die Zukunft unserer Infrastruktur sprechen“, unterstrich Svenja Meyer.
Forderung an die Politik: Fähigkeiten und Infrastruktur gemeinsam sichern
„Die größte Herausforderung sind nicht allein Rohstoffe oder Produktionskapazitäten. Entscheidend ist, dass Deutschland in strategisch relevanten Bereichen technologische und industrielle Schlüsselkompetenzen verliert, die für seine Verteidigungsfähigkeit und Handlungsfreiheit von hoher Bedeutung sind. Was heute an industrieller Substanz verloren geht, lässt sich im Krisenfall nicht kurzfristig zurückgewinnen”, so Mirjam Zeller, Leiterin Competence Center Defence Procurement, BME.
Gleichzeitig braucht die Industrie eine moderne, leistungsfähige und resiliente Infrastruktur. Nur mit verlässlichen Schienen-, Straßen- und Wasserwegen können Güter, Vorprodukte und strategisch relevante Materialien schnell, sicher und wettbewerbsfähig transportiert werden.
Die Forderung an die Politik ist daher klar: Strategische Schlüsselkompetenzen und kritische Infrastruktur müssen als Teil der nationalen Sicherheitsvorsorge erkannt, geschützt, gezielt erhalten und, wo erforderlich, wieder aufgebaut werden. Deutschland muss in der Lage sein, sicherheits- und verteidigungsrelevante Technologien eigenständig zu entwickeln, zu fertigen und verfügbar zu halten. Wo dies nicht im eigenen Land möglich ist, sind belastbare Fähigkeiten bei engen Bündnispartnern abzusichern.
Defence Readiness entsteht durch industrielle Fähigkeiten, qualifizierte Unternehmen und belastbare Lieferketten in einer verlässlichen Infrastruktur. Die Politik muss deshalb nicht nur Aufträge finanzieren, sondern gezielt Fähigkeiten und Infrastruktur aufbauen und erhalten. Erst ihr Zusammenspiel schafft Lieferfähigkeit.
Beschaffung in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie: 2. BME Netzwerktreffen Defence (08.-09.12.2026, Kassel)
Join the Network: Der BME vernetzt Branche, Lieferanten und Politik im Rahmen einer Präsenz-Fachveranstaltung vom 08. bis 09. Dezember 2026 in Kassel. Ziel ist es, die Defence Readiness Deutschlands durch verbesserte Transparenz und Vernetzung in der Lieferkette weiter zu beschleunigen und die Innovationsführerschaft und Versorgungssicherheit für Streitkräfte und Gesellschaft zu gewährleisten.