Supply Chain Finance: Mehr Cash, bessere Performance

Aktuelle Studie zum Working Capital Management zeigt: Unternehmen, die bereits seit der Finanz- und Wirtschaftskrise auch auf eine finanzielle Optimierung ihrer Supply Chain setzen, profitieren in der aktuellen Corona-Krise von Supply Chain Finance gleich doppelt.

Supply Chain Finance Bereits zum siebten Mal haben das SCF-Lab der Universität St. Gallen und Post Finance eine Studie zum Working Capital Management durchgeführt. Zum dritten Mal lag der Schwerpunkt dabei auf Supply Chain Finance. Grafik: Designed by macrovector/Freepik

Das Coronavirus hat die Finanzabteilungen vieler Unternehmen in den Krisenmodus schalten lassen. Seither gilt die Devise: „Cash is king.“ In den ersten Monaten der Pandemie richtete sich der Blick der Finanzchefs vor allem auf den Erhalt der Zahlungsfähigkeit des Unternehmens und die Sicherung der Liquidität. Das bekam natürlich auch der Einkauf zu spüren – und weil das Procurement in vielen Unternehmen in der Finanzabteilung angesiedelt ist, oft sogar noch unmittelbarer als andere Bereiche. Investitionen wurden abgeblasen oder verschoben, nicht notwendige Ausgaben auf ein Minimum beschränkt.

Supply Chain Finance als Schwerpunkt der Studie

Ein zentraler Stellhebel zur Bewältigung dieser Herausforderung der Liquiditätssicherung ist ein zeitgemäßes Working Capital Management (WCM), das das Umlaufvermögen erhöht und in der Supply Chain gebundenes Kapital freisetzt. In der Regel erfolgt das WCM in Abstimmung mit vor- und nachgelagerten Stufen der Lieferkette, weswegen auch von „Supply Chain Finance“ (SCF) gesprochen wird. Entsprechende Angebote haben in der Corona-Krise für einen regelrechten Boom gesorgt.

Bereits zum siebten Mal haben das SCF-Lab der Universität St. Gallen und Post Finance, das Finanzinstitut der Schweizerischen Post im Frühjahr 2020 eine WCM-Studie durchgeführt, deren Ergebnisse nun vorliegen. Zum dritten Mal infolge lag der Schwerpunkt auf dem Thema SCF.

Auswirkungen auf Lieferanten unzureichend beachtet

Um Liquidität zu generieren, haben Unternehmen als unmittelbare Maßnahme gegen die Krise versucht, Zahlungsziele mit Lieferanten neu zu verhandeln, um verzögerten oder ausbleibenden kundenseitigen Zahlungseingang entgegenzuwirken. Die Studienergebnisse zeigen allerdings, dass dabei mögliche negative Auswirkungen auf die Lieferanten entweder gar nicht oder nur unzureichend berücksichtigt wurden. Vor allem eine dadurch erhöhte Insolvenzgefahr mittelständischer Zulieferer wurden oft nicht beachtet.

Die befragten Unternehmen berücksichtigten neben der strategischen Relevanz der Lieferanten- bzw. Kundenbeziehung insbesondere auch Branchendurchschnittswerte oder geografische Faktoren. Insolvenz- und Liquiditätsrisiken der Supply-Chain-Partner spielten zum Zeitpunkt der Erhebung (März 2020) eine eher untergeordnete Rolle.

Supply Chain Finance zahlt sich langfristig aus

Eine weitere interessante Erkenntnis ist, dass sich WCM-Maßnahmen vor allem langfristig auszahlen. Die finanzielle Performance der Unternehmen steigt. So deuten die Studienergebnisse darauf hin, dass Unternehmen, die sich seit der Finanz- und Wirtschaftskrise um ein konsequentes WCM unter Einbezug von SCF-Lösungen bemühen, heute eine wesentlich bessere Kapitalrendite aufweisen als Unternehmen, die das nicht tun (siehe Grafik). So ist bei Ersteren nicht nur die Kapitalbindungsdauer um durchschnittlich 28 Tage kürzer (44 Tage vs. 16 Tage), sondern auch der Return on Capital Employed (ROCE), also die Rendite auf das gebundene Vermögen, durchschnittlich um knapp 40 Prozent (9 Prozentpunkte) höher. Die Kennzahl ist vor allem Kapitalgebern wichtig.

„Die überdurchschnittliche Performance lässt sich unter anderem darauf zurückführen, dass ihre vorgelagerten Lieferanten – trotz punktuell verlängerter Zahlungsziele – heute deutlich früher bezahlt werden“, lautet die Erklärung der Studienautoren. Zahlungszielverlängerungen sollten jedoch nur von finanzstarken Zulieferern eingefordert werden; finanzschwache Lieferanten aus dem Mittelstand sollten besser unmittelbar vergütet werden.

Cash to Cash Cycle um 20 Tage verkürzen

Im Hinblick auf das weitere Optimierungspotenzial der Kapitalbindungsdauer schätzen rund zwei Drittel der in der Studie Befragten, dass sich durch den Einsatz entsprechender SCF-Lösungen der Cash to Cash (C2C) Cycle um bis zu 20 Tage verkürzen lässt. Rund ein Drittel glaubt, dass sogar mehr als 20 Tage realisierbar sind. Der C2C Cycle macht eine Aussage über die Geldumschlagsdauer im Unternehmen in Tagen zwischen Auszahlung an die Lieferanten und Einzahlung durch die Kunden inklusive des gesamten Bestandsumschlags.

Fazit: Mithilfe von Supply Chain Finance können Unternehmen ihre Finanzierungsstruktur erheblich verbessern. Vor allem KMU erreichen so eine verbesserte Handlungsposition mit Investoren und Kapitalgebern. Aus Sicht der befragten Unternehmen lässt sich die finanzielle Performance von Unternehmen durchschnittlich um bis zu 5 Prozentpunkte verbessern. 14 Prozent gehen sogar davon aus, dass bis zu 10 Prozentpunkte möglich sind.

Hintergrund zur WCM-Studie und Download

Die WCM-Studie 2020 basiert auf Primär- und Sekundärdaten. Ihr lagen zwei Datenquellen vor, die zunächst differenziert betrachtet und anschließend zusammenhängend interpretiert wurden. Es fanden sowohl qualitative Einschätzungen als auch quantitative Angaben Verwendung. In der WCM-Studie 2020 werden mehrere Branchen berücksichtigt, um möglichst umfassende Einblicke in das WCM von Schweizer Unternehmen zu erhalten.

Die Stichprobe enthält Schweizer Unternehmen aus über zehn verschiedenen Branchen und setzt sich zu 56 Prozent aus Großunternehmen (mehr als 250 Mitarbeiter) und zu 44 Prozent aus kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) zusammen. Befragt wurden vorwiegend die Finanzchefs der Unternehmen (42 Prozent).

Download: Die vollständige Studie, die auch eine Marktübersicht der Anbieter von SCF-Lösungen beinhaltet, kann hier kostenfrei heruntergeladen werden: https://www.alexandria.unisg.ch/260103/

Tobias Anslinger, BME

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