Supply Management: Lessons Learned aus der Pandemie

Was können Unternehmen und Politik tun, um die Beschaffung kritischer Güter in Ausnahmesituationen besser zu meistern? Und was bedeutet das für das Supply Management? Ein DHL-Whitepaper versucht sich an Antworten, der BME hat ein paar pragmatische Tipps parat.

Sand, Stein und Kies Supply Management Auch Rohstoffe wie Sand, Stein und Kies wurden zuletzt immer rarer. Das Supply Management wird vor Herausforderungen gestellt. Foto: Jan Mallander/Pixabay

Die Covid-19-Pandemie hat das Supply Management quer über alle Branchen auf eine harte Probe gestellt. Zunächst stand die Welt still: Lockdown, Produktionsstopp, Gesundheitsschutz. Einkäufer:innen, die jahrelang technische Bauteile, Investitionsgüter oder Dienstleistungen beschafft haben, haben in den ersten beiden Wellen spontan die Warengruppe „gewechselt“ und eben Masken oder Desinfektionsmittel eingekauft.

„Darüber hinaus haben manche Hersteller etwa von Masken ihre Fertigungslinien so umgestellt, dass die Produktion zukünftig sehr schnell angepasst und auch lokal gefertigt werden kann. Man muss also nicht in China für die ganze Welt Masken produzieren“, weiß Carsten Knauer, Leiter der Sektion Logistik und Fachgruppenreferent im BME. Die Fertigung sei überall hoch automatisiert, somit hat eine Fertigung in China keinen exorbitanten Kostenvorteil mehr.

Große und kleine Player im Supply Management

Gefordert wurden in den vergangenen 18 Monaten aber auch die Logistiker:innen: Unter dem Druck, Menschen weltweit zunächst mit Masken und Desinfektionsmittel, später auch mit Tests und Impfstoffen versorgen zu müssen, haben sie in hohem Tempo die Infrastruktur dafür geschaffen und weltweite Liefernetzwerke aktiviert. Neben großen und bekannten Dienstleistern wie DHL, DB Schenker oder Kühne + Nagel waren es auch viele kleinere, auf individuelle Logistiklösungen spezialisierte Unternehmen, die im Kampf gegen Corona eine wichtige Rolle spielten, etwa mit speziellen Kühlboxen oder -containern für Impfstoffe, klinische Studien oder Testkits (siehe dazu auch die Titelgeschichte in BIP 3/2021).

DB Schenker erwartet, dass die Nachfrage nach Luftfrachtkapazitäten für die Impfstoffverteilung in der zweiten Jahreshälfte 2021 ihren Höhepunkt erreichen wird. Europa dürfte bis auf Weiteres der größte Exporteur von Corona-Impfstoffen bleiben, Länder wie Indien werden womöglich bestimmte im Land hergestellte Medikamente nicht mehr exportieren, da sie ein Wiederaufflammen der Corona-Pandemie in ihrer Bevölkerung erleben, so DB Schenker.

Güterknappheit und Ladungsrückstaus

Jetzt, obwohl immer noch mitten in der Pandemie, zieht die Wirtschaft wieder an. Die Folge: An allen Ecken und Enden fehlen Rohstoffe (vor allem Kupfer, Holz, Eisen, Stahl), Vorprodukte oder Bauteile (Computerchips). Frachtkapazitäten vor allem auf dem Weg von Asien nach Europa sind knapp. In Südchina wurde Ende Mai ein Hafen aufgrund eines Corona-Clusters für einige Tage geschlossen. Auch die Blockade des Suezkanals hat noch Nachwirkungen auf die weltweite Warenverfügbarkeit, es kommt zu Ladungsrückstaus und Schiffsverspätungen. Kühne + Nagel geht davon aus, dass die Auswirkungen weltweit und branchenübergreifend noch für mindestens zwei bis drei Quartale anhalten werden.

Was Erkenntnisse lassen sich aus den Erfahrungen der vergangenen Monate für die Zukunft gewinnen? DHL hat in dem Whitepaper „Resilienz in Pandemien –Erfahrungen & Ausblick“ ein paar zentrale Punkte zusammengetragen, die allerdings nicht nur Logistikunternehmen adressieren, sondern Wirtschaft, Politik und Gesellschaft gleichermaßen.

Simulationen, Frühwarnsysteme, Eskalationspläne, Vorräte

Hinsichtlich Prävention und einer möglichst effektiven Früherkennung raten die DHL-Expert:innen zur Durchführung regelmäßiger Ausbruchssimulationen und branchenübergreifender Partnerschaften. Das setze allerdings voraus, dass die Daten der Partner über Informationsaustauschsysteme konsolidiert werden. Nationale und regionale Überwachungssysteme, die Informationen über Krankheiten mit epidemischem Potenzial erfassen, sollten bei Bedarf sofortige internationale Gesundheitsmaßnahmen auslösen.

Die Frühwarnsysteme könnten mit nationalen Eindämmungs- und Eskalationsplänen verknüpft sein, um rasch klare Vorgaben und evidenzbasierte Entscheidungen über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung eines Virus enthalten. Ein digitales Patientenverwaltungssystem und Kontaktverfolgungs-Apps stellen die Grundlage für eine rasche Nachverfolgung von Infektionsketten dar, wobei DHL hier die Akzeptanz bei den Nutzer:innen sowie die passenden rechtlichen Rahmenbedingungen als kritische Herausforderungen ansieht.

Dennoch wird man am (Wieder-)Aufbau von Vorräten wichtiger Güter nicht herumkommen. Masken, Tests, Desinfektionsmitteln, Kühlgeräte, Verpackung und Trockeneis werden künftig permanent vorgehalten werden müssen. Nicht nur Staaten, auch Unternehmen sollten sich hierzu Gedanken machen.

Supply Management: Situation mindestens bis Jahresende kritisch

Für den Einkauf und die Beschaffung in Unternehmen gilt: Die Gesamtsituation bleibt trotz der konjunkturellen Erholung aufgrund der Gesamtgemengelage mindestens noch bis Jahresende 2021 unsicher und teilweise kritisch. Vor allem die Rohstoffknappheit macht den Einkäufer:innen in Industriebetrieben schwer zu schaffen, hier erwarten viele sogar Engpässe bis Ende 2022 (siehe dazu auch eine aktuelle Umfrage des BME hier). Die Deckung der Bedarfe und die Organisation der Warenverfügbarkeit bleibt herausfordernd und oberstes Ziel des Supply Managements.

Einkäufer aus der Pharma- und Biotech-Branche berichteten dem BME zuletzt von einem quasi „leergefegten Markt“ bei bestimmten Gütern, teilweise bei sogar bei simplen Verbrauchsmaterialien. Mit deren Beschaffung würde man sich normalerweise gar nicht beschäftigen, in Vor-Corona-Zeiten waren sie einfach jederzeit verfügbar. Jetzt ist das anders. Auch viele Rohmaterialen sind den Einkäufern zufolge knapp, teilweise warte man schon seit 12 Monaten auf Lieferungen. Viele Unternehmen platzieren daher jetzt schon Bestellungen für 2022 und 2023.

Andere Unternehmen wiederum haben in den vergangenen Monaten bereits verstärkt wieder Läger aufgebaut oder waren froh, ihre gar nicht ganz abgebaut zu haben. „Eine richtige Alternative zu Risikomanagement in Form von Lageraufbau gibt es bei solchen plötzlichen weltweiten Megabedarfen nicht – außer man akzeptiert extrem hohe Preise und geringe Verfügbarkeiten für den Fall, dass eben diese Bedarfe auftreten“, sagt Carsten Knauer.

Risikomanagement unumgänglich

Zwar gibt es seit dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie (wieder) einen gewissen Trend zum Local Sourcing. Wo möglich, werden alternative Lieferanten entwickelt. Regulatorische Rahmenbedingungen wie das jüngst verabschiedete Lieferkettengesetz spielen dabei natürlich auch eine Rolle. Dennoch wird sich an der Bedeutung weltweiter Liefernetzwerke langfristig nicht viel ändern, das ist die einhellige Meinung unter Expert:innen und Praktiker:innen.

Wer ein funktionierendes Risikomanagement im Unternehmen etabliert hat, das Frühwarnsignale abgibt, wenn sich wirtschaftliche, politische oder auch medizinische Rahmenbedingungen ändern, wird Verwerfungen im eigenen Geschäft zwar auch nicht ganz verhindern können, aber früher als andere darauf reagieren und Gegenmaßnahmen im Supply Management einleiten können.

Checklist: Fragen für das Supply Management

  • Kennen Sie Ihre strategischen Kaufteile?
  • Kennen Sie die Risiken entlang Ihrer Supply Chain?
  • Haben Sie mehr als nur Ihre Tier-1-Lieferanten analysiert? Wie sieht es mit der Absatzseite aus?
  • Haben Sie sich „Was-Wäre-Wenn“-Fragen gestellt und Maßnahmenkataloge entwickelt?
  • Sind Sie sensibilisiert und denken Sie bei Nachrichten aus aller Welt auch konkret an Ihre Supply Chains?
  • Können Sie Ihrem Vorstand oder Ihrer Geschäftsführung, der/die eventuell nur Kosten und Aufwand für Läger, Second Sources oder Prozessen sieht, erklären oder vorrechnen, dass sich Risikomanagement lohnt?

Quellen: BME e.V., SpanSet

Tobias Anslinger, BME

 

 

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