27.08.2021 //

„Verstehen uns als globales Einkaufsnetzwerk“

Einkaufsexperten der Drägerwerk AG & Co. KGaA: „Im Rahmen dieses Verbunds werden die Beschaffungsbedürfnisse der einzelnen Standorte abgestimmt und die Lieferantenauswahl festgelegt.“

So sehen Sieger aus: Das Dräger-Projekt-Team und Gewinner des diesjährigen BME-Awards „Excellence in eSolutions” im Bild v.l.n.r.: Florian Mutschler (IT-Projektleiter), Michelle Scheller (Head of Software Development ICM), Alexander Bramkamp (Head o So sehen Sieger aus: Das Dräger-Projekt-Team und Gewinner des diesjährigen BME-Awards „Excellence in eSolutions” im Bild v.l.n.r.: Florian Mutschler (IT-Projektleiter), Michelle Scheller (Head of Software Development ICM), Alexander Bramkamp (Head of Strategic Supply Chain), Tanja Jensen (Projekt Manager - IT), Nicola Klockmann (Supply Chain Manager) und Nadine Wulf (Head of Global Commodity Management). Hinweis des Unternehmens Dräger: „Die abgebildeten Personen wurden vor der Aufnahme des Bildes auf das Coronavirus getestet.“ Foto: Dräger

Die Drägerwerk AG & Co. KGaA hat den BME-Preis „Excellence in eSolutions 2021“ gewonnen. Der Lübecker Industriebetrieb erhielt die Auszeichnung für die Erarbeitung einer ganzheitlichen eSolution für den End-to-End-Beschaffungsprozess.

Dräger genießt in der Branche als Hersteller von hochwertiger Medizin- und Sicherheitstechnik einen sehr guten Ruf. Im BME-Gespräch* erläutern Guido Willmann, Director Strategic Purchasing Business Unit Therapy Medical Division, Nadine Wulf, Head of Global Commodity Management/Global Purchasing & Supplier Quality Management Safety Division, und Alexander Bramkamp, Head of Strategic Supply Chain Medical Division, zunächst die bestehende Beschaffungsstruktur des international agierenden Familienbetriebes.

Guido Willmann verantwortet in der Division Medizintechnik („Medical“) den strategischen Einkauf der Business Unit Therapy und damit den größten Einkaufsbereich des im TecDAX und SDAX gelisteten börsennotierten Konzerns. Die Medizintechnik erzielt circa zwei Drittel des Gesamtumsatzes, der 2020 bei rund 3,4 Milliarden Euro lag. Nadine Wulf ist für das Global Commodity Management in der Division Sicherheitstechnik („Safety“) zuständig.

Im Gegensatz zu anderen Firmen vertraut Dräger auf dezentrale Strukturen, was auch für den Einkauf gilt. Willmann: „Jeder unserer größeren weltweiten Produktions- und Entwicklungsstandorte verfügt über Einkaufsabteilungen, die vor Ort sourcen und ihre Lieferanten steuern.“ Insgesamt sind es mehr als 200 Mitarbeiter, die sowohl für den strategischen Einkauf als auch für die Supplier Quality zuständig sind. Das jährliche globale Beschaffungsvolumen für Produktionsmaterial beziffert Willmann auf rund 600 Millionen Euro.

„Unsere Zentrale in Lübeck arbeitet eng mit den verschiedenen Dräger-Einkaufsstandorten in Europa, Asien und Nordamerika zusammen. Wir verstehen uns nicht als Entscheider im Headquarter, sondern als ein globales Einkaufsnetzwerk“, betont Nadine Wulf. Im Rahmen dieses Verbunds werden die Beschaffungsbedürfnisse der einzelnen Standorte abgestimmt und die Lieferantenauswahl festgelegt.

Die Corona-Krise hat die Industrie und deren Lieferketten auf eine harte Probe gestellt. Mittlerweile klagen viele Produzenten über Rohstoff- und Materialknappheit. Ob auch Dräger davon betroffen ist, will der BME wissen. Willmann: „Ja, auf jeden Fall. Allerdings sind wir nicht so stark wie andere Firmen davon berührt. Denn es ist frühzeitig gelungen, im Rahmen unseres Risiko- und Lieferantenmanagements vorausschauend zu agieren.“ Dennoch gab es auch bei Dräger Engpässe in den umsatzstärksten Warengruppen. Konkret fehlten zwischenzeitlich vor allem bestückte Leiterplatten, Kunststoff- und Metallbaugruppen sowie Metallkomponenten. „Die Produktion war aber zu keinem Zeitpunkt unterbrochen oder massiv gefährdet“, fügt Willmann hinzu.

Nadine Wulf hebt in diesem Zusammenhang das solide Lieferanten-Netzwerk hervor: „Wir setzen auf langfristige Partnerschaften und nicht nur auf den kurzfristig zu erzielenden besten Preis. Deshalb fallen unsere Lieferanten nicht gleich bei jedem Husten der Weltwirtschaft um.“

Im März 2020 hatte Dräger einen Großauftrag der Bundesregierung zur Lieferung von 10.000 Beatmungsgeräten erhalten. Auch wenn diese Order im Jahresverlauf angepasst wurde, so half sie unter anderem auch einigen von staatlichen Einschränkungen in ihren Ländern betroffenen Dräger-Lieferanten. Willmann erklärt: „Da wir von der Bundesregierung als systemrelevant eingestuft wurden, konnten unsere Lieferanten in Italien und Malaysia trotz Shutdown weiter Komponenten für Medizinprodukte für uns fertigen.“

Dräger setzt aufgrund seiner geringen Stückzahlen fast ausschließlich auf Single Sourcing und damit auf jeweils einen Lieferanten. Damit gewinne ein effizientes Risiko- und Lieferantenmanagement an Bedeutung, verweist Willmann auf einen wichtigen Aspekt.

Der BME will auch wissen, welchen Stellenwert der Dräger-Einkauf im Gesamtunternehmen einnimmt und an welchen Leitbildern er sich orientiert. Nadine Wulf hat darauf eine präzise Antwort: „Wir verfolgen im Einkauf vier wesentliche Kernaspekte, auf die wir uns immer wieder fokussieren und die wir auch über alle Unternehmensbereiche hinweg verankern. Dazu zählen: Qualität, Wettbewerbsfähigkeit, Innovation und Zuverlässigkeit.“ Vor allem der letzte Punkt, Reliability, sei für Dräger-Kunden besonders wichtig.

Das jetzt vom BME prämierte Siegerkonzept „Inbounding by Design – Die systemübergreifende eSolution des End-to-End-Beschaffungsprozesses“ bindet viele der weltweit mehr als 15.000 Dräger-Mitarbeiter ein. Da liegt die Frage nahe, ob es bei der Umsetzung dieser Initiative angesichts unterschiedlicher geographischer Standorte, Sprachen und Mentalitäten nicht zu Reibungen kommt?

„Nein, dazu kommt es nicht“, versichert Wulf. Denn das Dräger-Management versuche, sowohl die Belegschaft als auch die Lieferanten mitzunehmen. Hilfreich sei dabei gewesen, dass der Einkauf auf Basis eines ausgefeilten Change-Management-Konzepts frühzeitig versucht habe, alle betroffenen Mitarbeiter „an Bord zu holen“. Konkret bedeutete das unter anderem auszuloten, wie sich die zu implementierende systemübergreifende eSolution des End-to-End-Beschaffungsprozesses auf Arbeitsalltag und Arbeitsumfeld der Beschäftigten auswirkt.

Nadine Wulf erinnert an dieser Stelle an die internationale Durchführung sogenannter Marktplätze. Dabei handelte es sich um Informationsveranstaltungen mit einer Art Messecharakter, die 2019 an den großen Dräger-Produktionsstandorten in Deutschland, in Tschechien, in Asien, in den USA und in England stattfanden. Diese Formate hätten das Personal stark angezogen und motiviert, am Projekt nicht nur mitzuarbeiten, sondern sich auch aktiv einzubringen.

Wie viele andere BME-Mitgliedsunternehmen ist die Digitalisierung ganzer Wertschöpfungs- und Lieferketten auch für Dräger ein Megathema. Alexander Bramkamp meint dazu: „Einkauf 4.0, Industrie 4.0 und Supply Chain 4.0 sind für uns kein Selbstzweck. Die alles entscheidende Frage ist doch, was dahintersteckt. Letztlich geht es darum, Unternehmensprozesse mit moderner IT und innovativen Verfahren zu unterstützen.“ Die Dräger-Verantwortlichen prüfen, welche Systemlösungen und Technologien sich sinnvoll zur Optimierung der Beschaffungs-, Produktions- und Distributionsprozesse einsetzen lassen.

Alexander Bramkamp nennt ein aktuelles Beispiel: „Wir planen zurzeit die weltweite Harmonisierung unserer Lagerverwaltungs-IT. Dabei handelt es sich, wie bei dem jetzt vom BME ausgezeichneten Konzept, ebenfalls um ein mehrjähriges Projekt.“ Ziel sei es, weltweit alle Dräger-Standorte auf ein einheitliches digitales Warehouse Management System zu bringen. Das Vorhaben soll 2022 gestartet werden.

*Das Gespräch führte Frank Rösch, BME

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