27.08.2021 //

„Wirtschaft zog Lehren aus der Corona-Krise“

ING-DiBa-Wirtschafts-Experte Carsten Brzeski: „Die seit Frühjahr 2020 immer wieder verhängten Lockdowns haben gezeigt, dass unsere Unternehmen sehr anpassungsfähig sind.“

Foto: Gerd Altmann/pixabay.com Foto: Gerd Altmann/pixabay.com

Carsten Brzeski, Global Head of Macro Research der ING und Chefvolkswirt für Deutschland und Österreich der ING-DiBa AG, Frankfurt, sprach mit dem BME* über Konjunktur-Risiken, mögliche Lehren aus der Pandemie und den wieder anziehenden Dienstleistungssektor.

Fotoquelle: ING-DiBa AG

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BME: Die deutsche Konjunktur erholt sich. Ist das Schlimmste überstanden?
Carsten Brzeski:
Auf den ersten Blick scheint es so, dass das Schwierigste hinter uns liegt und es jetzt nur noch bergauf geht. Sorge bereitet mir allerdings die sich verstärkende Delta-Variante, die für einen massiven Anstieg der Corona-Inzidenzen bei uns, vor allem aber in einigen Nachbarländern, führt. Angesichts dieser neuen Entwicklung bekommt man schon ein mulmiges Bauchgefühl und ahnt, dass die nächsten Monate vielleicht doch nicht ganz so euphorisch und sorgenfrei werden, wie wir uns das noch vor kurzem gewünscht haben.

Die aktuellen Wirtschaftsdaten sehen aber gut aus, oder?
Ja, eigentlich herrscht sowohl in Deutschland als auch in Europa und in den USA zurzeit eine regelrechte Konjunktur-Euphorie. Das zeigt auch der IHS Markit/BME-Einkaufsmanager-Index. Der EMI bewegt sich seit Juli 2020 deutlich über der magischen 50-Punkte-Referenzlinie, ab der Wachstum signalisiert wird. Angesichts immer neuer Rekordhöchststände, beispielsweise bei den US-Konjunkturdaten, ist zu befürchten, dass die hohen Erwartungen letztlich nicht erfüllt werden können. Ich rede jetzt nicht einer Krisenstimmung das Wort. Trotzdem scheint mir eine gute Portion Vorsicht aktuell angebracht.

Welche Risikofaktoren könnten den deutschen Konjunkturmotor ins Stottern bringen?
Ich sehe zwei große Risiken für die deutsche Konjunktur. Da ist die noch immer nicht überwundene Covid-19-Pandemie, die ständig neue Versionen hervorbringt. Sorge bereitet mir hier vor allem die Delta-Variante. Sie scheint sich schneller zu verbreiten, als das Impftempo fortschreiten kann. Risiko Nummer zwei hat nur indirekt mit Corona zu tun. Ich meine damit die anhaltenden Probleme in den Lieferketten, die der Industrie zu schaffen machen. Mit Blick auf beide von mir beschriebenen Risiken könnte der erste Faktor zur Konjunkturabschwächung beitragen; der zweite dürfte definitiv für eine Verzögerung der Produktionsabläufe in den Unternehmen sorgen.

Hat die deutsche Wirtschaft Lehren aus der Corona-Krise gezogen?
Auf jeden Fall. Die seit Frühjahr 2020 immer wieder verhängten Lockdowns haben gezeigt, dass unsere Unternehmen sehr anpassungsfähig sind. Denn mit jedem Lockdown wurden die negativen Folgen für die Gesamtwirtschaft etwas geringer. Im ersten Lockdown kam es zwar zu einem großen Einbruch. Im zweiten Lockdown konnte die Industrie dann aber schon weiter produzieren. Danach erholten sich Teile des Einzelhandels und des Dienstleistungsbereichs. Das wiederum führte dazu, dass der Rückgang der Wirtschaftsleistung geringer war als zuvor. Deshalb bin ich zuversichtlich, dass wir auch nach einer vierten, fünften oder sechsten Corona-Welle keinen kompletten Lockdown erleben werden. Das sieht man auch an der politischen Diskussion, die gerade geführt wird.

Werden Sie Ihre BIP-Prognosen angesichts wieder wachsender Risiken anpassen?

Wir betreiben eine Prognosepolitik der ruhigen Hand. Ich verändere meine BIP-Prognose nicht, nur, weil sich die tägliche Nachrichtenlage ändert. Für dieses Jahr gehen wir von einem BIP-Wachstum der deutschen Volkswirtschaft in Höhe von vier Prozent aus. 2022 erwarten wir 4,5 Prozent.

Wird die Flutkatastrophe in Deutschland großen negativen Einfluss auf das BIP haben?
Die Folgen der Flutkatastrophe sind schlimm. Viele Menschen und Unternehmer haben große Existenzsorgen, die nur mit schnellem, unbürokratischem Handeln aller, und egal zu welchem Preis, irgendwie gelöst werden können. Das Perverse an solchen Naturkatastrophen ist, dass der Schaden kurzfristig fast gar keine negativen Folgen für das Bruttoinlandsprodukt hat. Der Produktionsausfall ist gering. Der Wiederaufbau wird sich dann in den kommenden Quartalen eher positiv auf das BIP auswirken.

Der Dienstleistungssektor zieht wieder an. Hat Sie das überrascht?
Ja, ich bin etwas verwundert, wie stark sich dieser Bereich wieder gefangen hat. Die Industrieproduktion läuft ja schon eine ganze Weile gut und meldet extrem gefüllte Auftragsbücher. Deshalb überrascht die im Verarbeitenden Gewerbe anzutreffende Hochstimmung nicht, dafür aber im Dienstleistungssektor schon. Dort machen sich offensichtlich die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen der vergangenen Monate positiv bemerkbar.

Dafür wächst der Inflationsdruck stetig. Ist das ein Problem?
Sowohl die Einkaufs- als auch die Verkaufspreise ziehen seit Monaten kontinuierlich an. Mit Blick auf die Industrie zeigt uns dieser Trend, dass die gestiegenen Produktionskosten offensichtlich an den Endverbraucher weitergereicht werden. Meine Sorge darüber hält sich allerdings in Grenzen. Zwar könnten höhere Preise zu einer sinkenden Nachfrage führen. Momentan dürfte das aber nicht der Fall sein. Dafür hat der Verbraucher nach langen Lockdown-Phasen einfach einen zu großen Nachholbedarf. Entscheidend wird vielmehr sein, wie die Notenbanken darauf reagieren. Erst dann würde es zu einem konjunkturellen Problem werden. Für die EZB ist die Inflation nur eine Ansammlung von Sonderfaktoren und sollte bereits 2022 kein Thema mehr sein. Deshalb reagiert sie nicht darauf.

Wird es nach überstandener Corona-Krise ein business as usual geben?
Die Pandemie hat gezeigt, dass gerade die Lieferketten in Krisenzeiten sehr anfällig sind. Dennoch sehe ich nicht, dass man Lieferketten jetzt einfach über Nacht anders aufbaut und umstrukturiert. Das wäre naiv. Jeder Unternehmer würde sagen, dass das mehrere Jahre und unheimlich viel Geld kostet. Das wird also nicht passieren. Ich kann mir aber vorstellen, dass es hier und da zu einem Umdenken kommt. So könnten beispielsweise einzelne Bereiche der globalen Produktion wieder zurück in heimatliche Regionen verlagert werden. Dann aber nur Teile und nicht die gesamten Lieferketten. Ich kann mir auch vorstellen, dass Firmen bei ihren Produktionsprozessen wieder etwas mehr Zeitpuffer einbauen. Allerdings bedeutet diese Maßnahme stets, Gewinnmargen zu reduzieren.

Die Globalisierung sollte also nicht infrage gestellt werden?
Die Globalisierung ist schon seit dem Amtsantritt von Donald Trump unter Druck geraten. Natürlich kann man die Globalisierung oder Teile davon infrage stellen – so beispielsweise, was mit dem Globalisierungsgewinn passiert. Sind diese Erträge wirklich gleich verteilt oder haben sie auch zu Ungleichheit in den verschiedensten Ländern geführt? Meiner Meinung nach ist die internationale globale Zusammenarbeit definitiv nicht vorbei. Dafür liegt die Zeit, in der Globalisierung vermeintlich für alle Beteiligten einfach nur eine Gewinngeschichte gewesen ist, klar hinter uns. Es werden sich zudem neue Fragen stellen: Wer hat allgemein die wirtschaftliche Weltmachtvorstellung? Sind das die USA oder ist das künftig China? Das wird ein ganz wichtiges Thema sein. Zu klären ist auch, wie es Europa schafft, in diesem Kampf der zwei Giganten zu überleben. Das ist natürlich nicht das Ende der Globalisierung im Sinne von internationaler Zusammenarbeit. Allerdings haben wir es künftig noch stärker mit egoistischen, auf sich selbst gerichteten Wirtschaftsblöcken zu tun.

Welchen Platz wird China künftig in der Weltwirtschaft einnehmen?
Die Volksrepublik galt lange Zeit als Lokomotive der Weltwirtschaft. Allerdings dürfte sich ihre Rolle schon bald verändern. Und das nicht, weil die Wirtschaft des Landes zurzeit neu ausgerichtet wird. Die politische Führung in Beijing verfolgt vielmehr stärker als bisher ihre Eigeninteressen und würde am liebsten, um im Sprachbild zu bleiben, die ganzen Eisenbahnwaggons hinter der Lokomotive abkoppeln. Dann könnte China weiterhin mit vollem Tempo vorausfahren. Auf den abgekoppelten Eisenbahnwaggons steht dann vor allem „Europa“ drauf. Die EU-Staaten stellen gerade erst fest, dass sie abgekoppelt wurden. Nun sind sie verzweifelt auf der Suche nach einer eigenen Lokomotive, um den Wagen wieder auf Vordermann zu bekommen.

Warum dieser Paradigmenwechsel?
China ist bisher extrem gut durch die Corona-Krise gekommen. Bis 2035 will das Reich der Mitte über eine komplett entwickelte Volkswirtschaft nach westlichen Standards verfügen. Dafür muss das Land aber in den nächsten zehn Jahren mit vier bis fünf Prozent jährlich wachsen. Das ist eine extrem große Hausnummer. Wir beobachten schon seit längeren, dass die Chinesen kräftig im In- und Ausland investieren. Ich denke nur an die in Afrika erworbenen Rohstoffvorkommen. Darüber hinaus hat China auf den Gebieten Digitalisierung, Automatisierung und Roboterisierung stark zugelegt.

Wird der Westen dauerhaft gegenhalten können?
Es ist noch zu früh, um das Rennen aufzugeben. Die US-Amerikaner sind hier schon ein Stückchen weiter. Jetzt ist es aber höchste Zeit, dass der Westen mit einer eigenen Strategie gegenhält und China nicht nur hinterherhoppelt oder hinterherrennt. Die EU-Staaten müssen unter anderem prüfen, in welchen Bereichen ihre Unternehmen die Marktführerschaft erringen oder verteidigen können.

*Das Interview führte Frank Rösch, BME-Konjunktur- und Rohstoffmonitoring

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